EINE ART KNOTENLÖSEN
Paulus Hochgatterer, 2005Da steht die wunderhübsche zwölfjährige Sophie bei der Anprobe ihres weißen Kleides, zupft nervös herum, am Kleid und an sich selbst, zieht ein säuerliches Gesicht, findet sich zu dick, vor allem dort, wo die Brust zu wachsen beginnt, und es wird in einer einzigen Einstellung klar, dass dieser eigenartige Vorgang der Adoleszenz, durch den wir alle einmal gegangen sind und den wir alle so gerne vergessen haben, mit etwas Körperlichem zu tun hat. Man betrachtet die anderen drei Hauptdarsteller aus Ruth Beckermanns jüngstem Dokumentarfilm ZORROS BAR MIZWA und erinnert sich genauer, wie es sich mit diesem Körperlichen verhält. Obwohl sie alle etwa gleich alt sind, sehen sie doch ziemlich verschieden aus, Tom und Moishy eher noch wie Knaben, bartlos und ein wenig ungelenk, und Sharon, der sich ‚Zorro’ als Motto für sein Fest gewählt hat, schon wie ein ganzer Mann.
Dass dieses Körperliche irgendwas mit Sexualität zu tun hat, dämmert einem, wenn man Sophie vor dem Spiegel beobachtet. Wenn dann Sharon während der Dreharbeiten zu seinem Zorro-Clip plötzlich die Krise kriegt und meint, eigentlich sei ihm das ganze Galoppieren und Säbelfechten viel zu mühsam und es gehe ihm in Wahrheit einzig und allein um jene Sequenz, in der er als schwarzer Rächer endlich seine (sparsam bekleidete) Geliebte in die Arme schließen und küssen dürfe, weiß man die Sache auf den Punkt gebracht. Gelöst wird jenes Bündel an Irritationen mit seinem physischen und sexuellen Kern am besten, indem einem einerseits jemand vermittelt, dass man wunderbar und attraktiv ist, mit Bart oder Busen noch mehr als ohne, indem andererseits Menschen da sind, die einem noch in der größten Verwirrung Identifikationssicherheit geben. Eltern leisten das in der Regel nach wie vor, auch in Zeiten exponentialer Veränderungsbeschleunigung. Eltern, die ihrerseits eine halbwegs verwurzelte Identität besitzen, tun sich damit leichter als andere. Davon erzählt Ruth Beckermanns Film, unter anderem.
Außerdem erzählt der Film natürlich von Übergangsriten, davon, wie hilfreich diese hoch formalisierten Zeremonien in Phasen der Krise sind, wie sie soziale Einbettung gewährleisten und wie sie die Angst vor dem Neuen dadurch reduzieren, dass sie immer zu früh kommen: Die Jugendlichen werden zu Erwachsenen erklärt, obwohl zugleich offensichtlich ist, dass sie es noch nicht sind. Auf diese Weise werden Spielräume geschaffen, ‚Als ob’-Zonen, sichere Korridore, in denen sie sich gefahrlos eine Weile aufhalten können. Am pointiertesten legt das Moishys Vater dar, wenn er davon spricht, wie er jetzt seinem dreizehnjährigen Sohn die Sünden, die er all die Zeit für ihn getragen hat, zurückgeben wird. In diesem Moment strahlt eine kleine diebische Freude aus dem Mann, zugleich aber das Wissen, dass ihm der ganze Knaben, mitsamt seinen verlagerten Sünden, wohl noch einige Zeit auf den Schultern sitzen wird. Schließlich und vor allem ist ZORROS BAR MIZWA natürlich ein Film über das Wiener Judentum in seiner gesamten ethnischen und religiösen Vielfalt. Tom ist der Sohn einer israelischen Mutter und eines österreichischen, nicht-jüdischen, Vaters; Moishy kommt aus einer streng orthodoxen Familie; Sharon hat georgische Eltern mit sephardischen Wurzeln; Sophie schließlich enstammt einer völlig assimilierten Familie. Dementsprechend unterschiedlich fallen sowohl die religiösen Feiern als auch die damit verbundenen Familienfeste aus. In Summe ensteht eine außerordentlich bunte Geschichte, die in erster Linie von ihrem Humor und ihrer Privatheit lebt.
Es gehe ihr darum, familiäre Innenräume und Innenräume der Stadt zu zeigen, sagt Ruth Beckermann, daher begebe sie sich in die Küchen und Wohnzimmer der Familien und in die Synagoge. Vielleicht habe sie in Wahrheit eine verrückte wienerisch-jüdische Doku-Soap machen wollen. - Von einer Soap ist weit und breit nichts zu sehen, dafür ist der Zugang der Filmemacherin zu ihren Protagonisten - trotz der Nähe, die sie durchwegs herstellt - viel zu diskret und behutsam. Vielmehr erschließt sie mit ihren Bildern Ausschnitte aus den seelischen Innenräumen der Jugendlichen und ihrer Familien. Sie macht die Verunsicherung greifbar, die in den jungen Menschen beim Entrollen der Thora hochsteigt, in jenem Moment, in dem ihnen die religiöse Tradition, in der sie stehen, so unmittelbar und buchstäblich vor Augen liegt wie vielleicht noch nie zuvor. Sie lässt die Beklommenheit spüren, die die Eltern erfasst, obwohl sie wissen, dass ihnen ihre Kinder noch nicht wirklich abhanden kommen. Sie zeigt schließlich auch die charmante Mischung aus Skepsis und ironischer Nachsicht, in der die jüdischen Frauen damit umgehen, dass ihnen die Teilnahme an bestimmten Abschnitten des Ritus verwehrt bleibt.
Der Gefahr, belehrend oder voyeuristisch zu werden, entgeht Ruth Beckermann durch einen einfachen narrativen Trick. Mit André Wanne führt sie jemanden in die Geschichte ein, der sich auf das Anfertigen spielfilmartiger Bar-Mizwa-Clips spezialisiert hat, eine Art Märchenerzähler, von dem von vornherein klar ist, dass er eigentlich alles dürfte: dick auftragen, flunkern, penetrant sein, hemmungslos beschönigen. Indem er all das nur ein bisschen tut und es dann auch noch transparent macht, wird der Kunstgriff wirksam: Ruth Beckermanns etwas distanzierter auf die Dinge blickendes Material verflicht sich mit jenem Wannes zu einem filmischen Gewebe von überzeugender Leichtigkeit.
Wenn gegen Ende Paul Chaim Eisenberg, der Wiener Oberrabbiner, zum Mikrophon greift, sich einswingt und anfängt, ein jüdisches Medley zu singen, spürt man noch einmal, wo die Sache mit dem Erwachsenwerden begonnen hat, nämlich beim Körper. Außerdem denkt man ans nächste Familienfest und fragt sich: Wie kann man diesen Mann engagieren?
