Reflexionen vom Fensterplatz der Weltgeschichte
Ruth Beckermann im Gespräch über homemad(e)
Interview mit Dominik Kamalzadeh

Zu Beginn Ihres Films sagen Sie, dass Sie schon länger einen Film über die Marc-Aurel-Straße, diese ehemalige Geschäftsstraße, drehen wollten. Was ist denn das Besondere für Sie an dieser Wiener Straße?

Ruth Beckermann Ich habe dort schon als Kind gewohnt, aber die Straße hat sich seitdem sehr verändert. Abends war das damals eine tote Straße - als Kind habe ich mich immer davor gefürchtet, in der Dunkelheit nach Hause zu kommen. Fast in jedem Haus waren damals ein bis zwei Textilgeschäfte. Tagsüber sind dann die Laster vorgefahren, die dort eingekauft und die Ware gleich mitgenommen haben. Jetzt ist dafür am Abend viel los, untertags ist es dafür eher ruhig.
Ich habe ja schon 1986 in meinem Film "Die papierne Brücke" hier gedreht und damals gesagt, das Textilviertel stirbt langsam aus. Die Kinder der Eigentümer übernehmen die Geschäfte nicht mehr, sie wandern aus. Schon die ältere Generation hat sich kaum aus Wienern zusammengesetzt, das waren Osteuropäer, die nach dem Krieg hier hängen geblieben sind.
Als ich den Film eingereicht habe, war nur noch ein Textilhändler übrig, der Herr Doft, und gegenüber seinem Geschäft gab es mittlerweile bereits seit 13 Jahren ein Caféhaus, von dem sogar Wolfram Siebeck schrieb, es sei ein altes Caféhaus. Es hat wohl diesen Charakter, aber eigentlich ist ein ganz normales Wiener Café. Dort hat sich ein Biotop errichtet; heute schauen wir ja so zurück auf die legendäre Zeit des Cafehauses, jene von Peter Altenberg, Alfred Polgar, u.s.w. - aber damals sind die wahrscheinlich auch genauso da gesessen und haben Schmäh geführt wie jetzt die Elfriede Gerstl oder der Franz Schuh: Diese Mischung aus dem Caféhaus, seinen Stammgästen und eben dem letzten jüdischen Textilhändler sowie dem iranischen Besitzer eines Hotels, die wollte ich über ein Jahr hindurch filmen.

Das Porträt eines "Grätzels" also, was ja auch etwas typisch Wienerisches ist?

Ruth Beckermann Das Interessante daran war für mich, das es weder typisch Vorstadt noch City, also 1. Bezirk ist. Man hat dort ein Wiener Element - durch die Café-Besitzerin, manche der Gäste, den Juden und auch Ausländer, wie eben den "Perser", der aber untypisch ist, weil er ja aus dem Mittelstand ist.
Mir gefällt diese Mischung, die aber nicht typisch ist, kein Thema hat. Es ist ja auch kein Film über ein Thema. Das Thema war vielmehr im Sinne des Soziologen Richard Sennett: Wie bewegt sich der Mensch außerhalb seiner vier Wände, wie zeigen sich die Leute als Gesellschaftsmenschen? Es gab ja von Anfang an die Entscheidung, nicht in Wohnungen zu drehen.

Das Caféhaus bietet ja auch den Stammtisch an, von einem solchen wird im Film gesagt, dass man dort über jegliche Differenzen hinweg miteinander reden konnte. Ist das nicht eine Art Utopie, bloß ein Konzept?

Ruth Beckermann An der Stammtischdiskussion hat mich besonders das Thema Freundschaft interessiert, das auch ein Thema des Films ist. Dieser Ernst Götschl, der das Caféhaus gegründet hat, ist wirklich jeden Tag am Stammtisch gesessen - und noch Jahre nach seinem Tod redet man von ihm. Da gab's richtige Freundschaften, aber es ist ja typisch wienerisch, etwas posthum ganz besonders zu verehren: Solange etwas noch da ist meckert man, wenn es dann weg ist, finden es alle wunderbar.
Aber die Differenzen sind natürlich da, nur nicht so offensichtlich: Es gibt ja auch im Film diese Haltung, das etwas, das nicht selbstverständlich ist, es am Stammtisch jedoch war. Es kommt ja auch in kaum ein anderen Großstadt vor, dass fast nur weiße Menschen in so einem Caféhaus sitzen.

Die Cafégäste und Passanten sind zufällig in den Film gerutscht?

Ruth Beckermann Ja, ich habe die Leute zufällig getroffen. Der Franz Novotny kommt da gerade vorbei. Ich hab ja noch viel mehr Leute aufgenommen. Der Film ist irgendwo die Kehrseite von "Ein flüchtiger Zug in den Orient": Das Reisen in Ägypten trifft auf das Flanieren in Wien. Ich wollte schon 1994 einen Film über das Flanieren machen, "Die Flaneurin".
Als ich "homemad(e)" zu drehen begonnen habe, habe ich mir die Leute viel mehr in Bewegung vorgestellt - und habe dann entdeckt, dass in Wien Flanieren viel eher im Caféhaus zu sitzen bedeutet: Alles ist hier eben ein wenig statischer.
Das Café ist natürlich auch eine Art Bühne, die Stadt ein Theater. Ich habe ja auch in "Jenseits des Krieges" die Leute nur auf der Ausstellung befragt, auch das war eine Bühne, es ging um einen öffentlichen Diskurs. In "homemad(e)" entfliehen die Leute wiederum der Tyrannei des Privaten, im Caféhaus stellt man sich dann dar. Der Kellner Peter sagt ja auch, er sei Schauspieler.

Die verschiedenen Arten der Zerstreuung sind ja ein dominantes Thema. Was hat Sie daran speziell interessiert?

Ruth Beckermann Interessiert hat mich, wie Leute ihren Tag verbringen, für die weder der Begriff Arbeit, noch der der Freizeit zutrifft, Menschen, die irgendwo dazwischen leben. Das Caféhaus ist so ein Ort der Inspiration - es gibt ja noch immer Menschen, die im Café schreiben und lesen, die das Hintergrundgeräusch brauchen. Solche Leute wollen sich ja auch nicht festlegen, für die hat es gerade den Reiz, zu schauen, wer eben gerade da ist. Einfach los zu ziehen, zu cruisen, auf Wiener Art.
Es hat damit zu tun, allein und nicht allein sein zu wollen, Zwischentöne, Zwischenräume zu finden. Die Elfriede Gerstl erzählt das ja im Film genau so.
Der Franz Schuh sagt ja auch, das man Fixpunkte braucht in der Stadt, ein Dorf, sonst ist man zu zerstreut.

Bei den Gesprächen hat man den oft den Eindruck, dass Sie bewusst keine Themen vorgeben, damit sie sich gleichsam von selbst entwickeln.

Ruth Beckermann Ich wollte über kein Thema reden, was natürlich sehr schwer ist. Ich habe die Interviews - ein altes Prinzip von mir - auch nicht geschnitten. Es kommt das ausgewählte Stück im Ganzen vor, was dem Film wiederum eine eigene Dramaturgie gibt. Insofern kam es öfters zu dem Moment, wo die Leute sagen: "So, das war's jetzt." Das habe ich dann bewusst betont. Im Fernsehen wird ja vor einem solchen Statement geschnitten. Dann aber weiter zu drehen, das irritiert natürlich.
Sprache ist mir ja sehr wichtig: Wie drücken sich die Leute aus, wie ist ihr Sprechduktus? Warum reden sie nach so viel Jahren immer noch gebrochen Deutsch?

Zugleich gibt es aber auch immer wieder den Rekurs auf die Geschichte.

Ruth Beckermann Es war natürlich nicht geplant, einen historischen Film zu machen. Aber das jüdische Thema ist natürlich präsent, der Doft, die jüdische Frau, die erzählt, wie es ihr nach dem Krieg gegangen ist. Dass sie ihren Kindern gar nicht alles erzählt hat, dass auch der Doft das anspricht, wer die Ereignisse später glauben werde. Ich sehe da eine Zeitverschiebung, auch zu meinen Filmen, die ich noch vor zehn Jahren gemacht habe, nämlich dass die Shoah historischer wird. Das hat vielleicht mit der Jahrtausendwende zu tun, mit der Frage, wie es sein wird, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt.

Dann gibt es die Zäsur. Der Winter kommt, Österreich hat eine neue Regierung. Der Film reagiert darauf, aber er bleibt dennoch im Caféhaus. Da gibt es ja ganz prononciert dieses Zitat von Polgar.

Ruth Beckermann Es war klar für mich, dass sich dieses Ereignis im Film wieder finden muss - auf verschiedene Weise. Es gibt die Stammtischgespräche, die Witzeleien von liberaler Anarchie, von überhaupt keiner Regierung. Dann die Reflexion von Franz Schuh - aber alles ist immer schon gebrochen durch den Caféhaustisch. Da sitzt man am Fensterplatz der Weltgeschichte und gibt seine Kommentare dazu ab. Ins Café kommt man halt nach der Demo, wenn man erschöpft ist. Oder um die nächste zu besprechen.
Aber die Aufregung ist gedämpft, wie man bei der Lisl Ponger sieht. Das Ereignis bleibt draussen, hier hat es hat reflexiveren Charakter.

Die Menschen wirken für den damaligen Moment ziemlich gelassen.

Ruth Beckermann Es ist repräsentativ für den damaligen Moment, wenn man ihn sich von heute aus anschaut. Bei aller Gegnerschaft zu dieser Regierung muss man ja sehen, dass wir in einer Demokratie leben, dass es den Leuten sehr gut geht. Im konkreten Moment sieht man ja alles viel extremer. Ich hab mich nicht hinreißen lassen - obwohl ich selbst aktiv war - den Film zu einem Flugblattfilm zu machen. Die Konzentration blieb auf den Protagonisten. Dieser Teil des Films beginnt ja damit, dass der Doft sagt, jetzt feiern wir Purim - und er werde sich als Haider verkleiden. Eine gewisse Distanz und Ironie zu diesem politischen Faktum ist unverkennbar da.

Drückt der Film dann auch die Ansicht aus, alles gehe so weiter wie bisher?

Ruth Beckermann Absolut, das ist das Charakteristische dieses "Dorfes" - die Welt kommt nur über die Zeitungen hinein. Es wird gesprochen, gelesen und diskutiert und dann geht man das Kompott essen.