Die Reihe Facing Israel stellt Analysen und Informationen über den Nahostkonflikt, die israelische Gesellschaft und das Verhältnis Israel-Diaspora zur Diskussion. Hervorragende Intellektuelle und Künstler kommen zu Wort. Zentrale Fragen der monatlich stattfindenden Veranstaltungen sind: Wie geht man in Israel mit dem Konflikt um, welche Tendenzen entwickeln sich in einer Gesellschaft, die zwischen Bedrohung und Besatzung lebt? Welchen Spannungen sehen sich europäische Juden vor dem Hintergrund des Nahostkonflikts ausgesetzt? Welche Rolle kann das Judentum des geeinten Europa gegenüber dem amerikanischen und dem israelischen spielen?

Konzeption: Ruth Beckermann und Erika Jakubovits
Moderation: Ruth Beckermann

Vortragsreihe in der Israelitischen Kultusgemeinde Wien
Ort: Gemeindezentrum, Seitenstettengasse
Zeit: jeweils 19 Uhr

Talks/Lectures in the "Israelitische Kultusgemeinde Wien"
Location: Gemeindezentrum, Seitenstettengasse
Time: 7 pm


Programm | Program

19. Dezember 2005, Esther Benbassa

Israelis/Palestinians - Jews/Arabs
Archeology of a Conflict

Vortrag auf englisch

Esther Benbassa wurde in Istanbul geboren, emigrierte 1965 nach Israel und lebt seit 1972 in Frankreich. Sie ist Professorin für Moderne Jüdische Geschichte an der Sorbonne und Direktorin des Alberto Benveniste Centers für sephardische Kultur in Paris. Von ihren Büchern sind auf deutsch erhältlich: Geschichte der Juden in Frankreich und Haben die Juden eine Zukunft?(mit J.-C. Attias).

Die Projektion des Nahostkonflikts in den Westen führte besonders in Frankreich, wo die größten jüdischen und arabischen Gemeinschaften Europas leben, zur Herausbildung neuer Diaspora-Nationalismen. Je schwächer die republikanischen Werte werden, desto mehr formulieren Juden und Araber ihre partikularen Identitäten parallel zu Israelis und Palästinensern. Der Vortrag zeichnet diese Entwicklung nach und stellt die Frage, ob Friede im Nahen Osten diesen komplexen Konflikt noch rückgängig machen kann.


14. November 2005, Omar Kamil

Die Araber und der Holocaust - die blockierte Wahrnehmung


Omar Kamil ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Simon Dubnow Institut für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig; er studierte in Ägypten, Israel und Deutschland. Omar Kamil setzt sich einerseits mit arabischen Diskursen bezüglich der Moderne und des Westens auseinander. Andererseits hat er sich auf die Geschichte der arabischen Juden spezialisiert; er untersuchte ihre Rolle in der israelischen Gesellschaft, besonders auch diejenige ihres Rabbiners Ovadia Josef.

Während sich in den Jahren nach 1945 der „Zivilisationsbruch“ des Holocaust in Europa zu einem Schlüsselthema der jeweiligen Historiographien und politischen Kulturen entwickelte, blieb seine Rezeption durch arabische Intellektuelle in einem besonderen Maße eingeschränkt, ja „blockiert“. Hier wurde er einerseits als Ereignis kaum wahrgenommen, andererseits sein Ausmaß, seine Ursachen und seine Bedeutung relativiert. Der Vortrag wird sich auf die Gründe für die eingeschränkte Wahrnehmung des Holocaust durch arabische Intellektuelle konzentrieren. Im Hintergrund der Auseinandersetzung steht nicht zuletzt die Überzeugung, dass über den Holocaust im arabischen Kontext nachzudenken implizit immer auch bedeutet, die Brisanz und Aktualität des arabisch-israelischen Konfliktes in den Blick zu nehmen.


12. September 2005, Dan Diner

Sakrale Welten?
Über Tradition und Moderne im islamischen Orient


Dan Diner ist Professor an der Hebrew University Jerusalem und Direktor des Simon Dubnow Instituts an der Universität Leipzig. Er ist Autor zahlreicher Publikationen zur Geschichte des Nahen Ostens, so wie zu deutscher und jüdischer Geschichte. Sein neues Werk Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt erscheint im September.

Dass die Krise der arabischen und islamischen Länder gerade nach der vornehmlich europäischen Zeitenwende des Jahres 1989 offensichtlich geworden ist, mag mit dem Ende jener Regulierungen der internationalen Ordnung in Verbindung stehen, die gemeinhin als Kalter Krieg bekannt waren. Mit seinem Ende ist ein Problemzusammenhang in den Blick geraten, dessen Ursprünge in die weite Vergangenheit zurückreichen: das Verhältnis der islamischen Zivilisation zu den Anforderungen der Moderne. Der Vortrag geht von der Überlegung aus, im Kontext des Islam würden Bereiche des sozialen Lebens, der politischen Institutionen, der Sprache wie der Kultur überhaupt in einer Weise vom Sakralen durchdrungen, welche ihre Entwicklung massiv behindert.