29. 8. - 28. 9. 2003
Graz, Dom im Berg

11. 11. 2004 - 6. 1. 2005
Wien, Museum Moderner Kunst

9. 3. - 19. 3. 2006
Paris, Maison des Arts Créteil

Ruth Beckermann und Stefan Grissemann
europamemoria
Buch und DVD

Czernin Verlag, Wien 2003
Ausstellung
Exhibition
Exposition

... erst in Wien begann ich über Polen und Juden nachzudenken ...

Wojciech Wislocki
Krakau - Wien

25 Gesichter auf 25 Bildschirmen in 25 Kabinen. Flüchtlinge, moderne Nomaden. Menschen in Europa erzählen ein Stück ihrer Geschichte. Einen Moment ihres Lebens.

Ruth Beckermanns Projekt nähert sich Europa als "Raum, der sich in einem "ständigen Prozeß der Produktion befindet" (Henri Levebre). Es zeigt europäische Erinnerungen, welche nicht mehr die Gedächtnisse der Nationen repräsentieren, sondern die individuellen Erfahrungen der Menschen, die hier und jetzt in Europa leben. Es zeigt die Brüche in kollektiven Erzählungen, mehr noch, den Zusammenbruch des Konzepts eines verbindlichen Narrativs.

Ein Jahr lang zeichnete die Filmemacherin Gespräche mit Menschen auf, die ihre Orte verliessen, manche freiwillig, viele durch Kriege und Konflikte gezwungen. Menschen, die den "Verlust der Heimat", in den meisten Fällen rückblickend dennoch als "befreiende Bewegung" empfinden.

Eine Auswahl aus den an verschiedenen Orten gedrehten Begegnungen wird im Grazer "Dom im Berg" versammelt. Dem Besucher öffnet sich in jeder Kabine ein Fenster zu einem Abschnitt der "großen" europäischen Historie: Nationalsozialismus, Kommunismus, Kolonialismus bilden den Hintergrund der persönlichen Erinnerungen.

Joop zum Beispiel, der in Indonesien geboren wurde, als Kind in einem japanischen Konzentrationslager war, heute in Den Haag lebt, doch die Landschaft seiner Kindheit im Herzen trägt, ohne der Kolonialzeit nachzutrauern. René, Französischlehrer in Nizza, ein Prinz aus der Familie des letzten Kaisers von Anam, der als Achtjähriger vor Ho Chi Min flüchten musste. Sladana, eine 22jährige Serbin, die während der zehn Kriegsjahre oft mehrmals wöchentlich am Bahnhof ihre Freunde verabschiedete, die emigrierten und nie mehr zurückkommen werden. Wojciech, der als Medizinstudent von Krakau nach Wien kam und sich erst hier, am Krankenbett einer Jüdin, zu fragen begann, was sich zwischen Polen und Juden zugetragen hatte.

Durch eine enge Kadrierung, die das Gesicht vom Haaransatz zum Kinn fasst, wird die Konzentration auf Mimik, Stimme und Inhalt der Erzählung gelenkt. Das Gesicht in seiner radikalen Einzigartigkeit ist das Gepäck, das jeder mitnimmt, wohin er auch wandert.

Die Reflexion über die Möglichkeiten, Elemente wie Sequenz und Montage in ein anderes Konzept als das filmische zu transferieren, liegt der Arbeit an "europamemoria" zugrunde. Ruth Beckermanns künstlerisches Zentrum ist der essayistische Film: Wie man Geschichte in Geschichten zerlegt, wie man den Prozess des Geschichtenerzählens sichtbar, nachvollziehbar macht, daran arbeitet die Autorin seit zwei Jahrzehnten. Mit "europamemoria" geht sie nun erstmals in Form einer Rauminstallation der Frage nach, wie (oder ob) story zu history zu verdichten ist.

Eine Werkschau mit sechs ihrer dokumentarischen Arbeiten - von "Wien Retour" bis zu "homemad(e)" kommentiert die Ausstellung. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Essays von Christa Blümlinger und Stefan Grissemann, sowie eine DVD.