![]() |
![]() 29. 8. - 28. 9. 2003 Graz, Dom im Berg 11. 11. 2004 - 6. 1. 2005 Wien, Museum Moderner Kunst 9. 3. - 19. 3. 2006 Paris, Maison des Arts Créteil Ruth Beckermann und Stefan Grissemann
europamemoria Buch und DVD Czernin Verlag, Wien 2003 Ausstellung Exhibition Exposition |
||
... erst in Wien begann ich über Polen und Juden nachzudenken ... |
Man führt Regie in seiner eigenen Erinnerung Ruth Beckermann über europamemoria Ein Gespräch mit Stefan Grissemann Stefan Grissemann Wie ist das Projekt europamemoria entstanden? Wie kam es zu dieser Idee, Gedächtnis, Geschichte, Erinnerung aus 25 individuellen Stimmen zu konstruieren?
Ruth Beckermann Einerseits ist europamemoria natürlich eine Folge aller Arbeiten, die ich davor gemacht habe. Andererseits stand ganz am Anfang eine formale Erwägung. Nach einer Vorführung meines Films "Jenseits des Krieges" im Théâtre Nationale de la Colline in Paris vor drei Jahren wurde ich mit dem Vorschlag konfrontiert, die gefilmten Erinnerungen der ehemaligen Wehrmachtssoldaten für die Bühne, fürs Theater zu adaptieren. Das hat in mir einen Prozess ausgelöst, eine neue Idee entstehen lassen; mir schien es plötzlich interessanter, diese Abfolge von Szenen - verschiedene Leute in derselben Ausstellung - nicht auf die Bühne, sondern in einen Raum zu stellen. Weil ich mich nun aber nie wiederholen möchte und daher nicht gern mit altem Material arbeite, habe ich mich von "Jenseits des Krieges" wieder entfernt. Der Film war ja bereits 1996 fertig, und der Stellenwert der Auseinandersetzung mit dem NS-Regime hat sich verändert: Der Tabubruch, endlich über die Beteiligung der Bevölkerung an den Verbrechen der Nazis zu reden, ist vollzogen, die Aufklärung über große Bereiche ebenso - wenn auch die wesentlichste Frage, nämlich diejenige nach der wirklichen Faszination des Nationalsozialismus, unbeantwortet bleiben wird. Daher wird man immer wieder gegen die Revisionisten antreten müssen. Was mich dagegen seit geraumer Zeit immer mehr interessiert, auch durch mein Leben in Österreich und in Frankreich, ist, was man europäische Erinnerungen nennen könnte. Auch hier geht es um einen Kampf der Erinnerungen zwischen Opfern und Tätern, Siegern und Verlierern, Ost und West, Alteingesessenen und neu Angekommenen. In dieser Form habe ich das Projekt im Sommer 2001 im Café Bräunerhof Wolfgang Lorenz vorgeschlagen. "Jenseits des Krieges" und europamemoria sind ja tatsächlich verwandte Reflexionsformen: Beide Arbeiten zeichnen individuelle Erinnerungssplitter auf, persönliche Auseinandersetzungen mit Geschichte. Man kann sich sowohl "Jenseits des Krieges" als Installation vorstellen wie auch europamemoria als Film. europamemoria kann ich mir auch als eine Serie von 25 Kurzfilmen vorstellen, als etwa fünfminütige Filme, die im Fernsehen oder als Vorfilme im Kino gezeigt werden könnten. Als Kontinuum, als Langfilm würde europamemoria wahrscheinlich nicht funktionieren. "Jenseits des Krieges" wurde in einem Raum gedreht, in dem sich plötzlich die ganze Welt zu versammeln schien, das ging weit über die Wehrmacht hinaus. Diesen realen Raum mit seinen Neonlichtern und den Schwarzweißfotos im Hintergrund kann man im Film darstellen, da wird er spürbar. europamemoria kehrt dieses Prinzip um: Ich wollte Leute, die ganz verstreut leben, in einem Raum, in der Ausstellung versammeln. Das ließe sich als Film nicht machen, weil die visuelle Einheit des Ortes wegfällt. Ich zeige ja nichts als Menschen in ihren Zimmern, irgendwo in Europa: Auch deshalb habe ich den Raum dahinter fast völlig ausgespart. Durch die extremen Großaufnahmen fällt die Frage nach dem Wo weg. Ihren gemeinsamen Ort finden diese Menschen stattdessen nun in dem Ausstellungsraum. Stefan Grissemann Nach welchen Kriterien wurden die erzählenden Teilnehmer ausgewählt? Ruth Beckermann Ich wollte Menschen porträtieren, die heute in Europa leben, jedoch nicht mehr dort, wo sie geboren wurden. In ihrem Leben musste eine Wanderung stattgefunden haben, eine Wanderung innerhalb Europas oder nach Europa, aus welchen Gründen auch immer. Nationalsozialismus, Kommunismus und Kolonialismus spielen dabei natürlich die wesentlichen Rollen. Mir geht es um das Territorium Europa: Welche Leute leben in Europa, hier und jetzt? Das ist die eigentliche Idee: Europa als Raum, heute, wo ganz verschiedene Leute mit ganz verschiedenen Erinnerungen leben. Ich stelle diesen Raum radikal individuell dar: als ein Europa der Individuen. Das ist ein Ius solis in extremis: Weil sie da sind, ist es ihr Europa, egal wo sie herkommen, egal wo sie geboren wurden, welche Staatsbürgerschaft sie haben. Das fasziniert mich. Ich bin nicht so naiv zu glauben, das wäre realpolitisch möglich; doch als Kunstprojekt, als Entwurf, als Traum ist es möglich. Auch real sind wir, glaube ich, in Europa an einem Punkt angelangt, an dem wir alle Geschichtsbücher, all die nationalen Narrative wegwerfen und neu schreiben müssen, weil sie nicht mehr mit den Erinnerungen wesentlicher Bevölkerungsgruppen übereinstimmen. In Österreich wird Schulkindern, die zu einem Gutteil auch Bosnier, Serben oder Türken sind, österreichische Geschichte gelehrt, die aber anderswo ganz anders erlebt worden ist, aus anderer Perspektive. Wenn man vom Zweiten Weltkrieg spricht, so haben Kinder aus einer serbischen Familie etwas anderes gehört als solche aus einer österreichischen. Etwas bewegt sich, wenn die alten Narrative nicht mehr gelten. In Frankreich leben fünf Millionen Moslems, da kann man über den Algerienkrieg nicht mehr so sprechen wie vor zwanzig Jahren, als diese Menschen vielleicht schon im Land waren, aber jedenfalls noch keine Stimme hatten. Stefan Grissemann Ist es nicht viel verlangt, die alte Geschichtsschreibung durch die radikale Offenheit vieler Stimmen und Geschichten einfach zu ersetzen? Kann man Zehnjährigen auf diese Weise Geschichte beibringen? Ruth Beckermann Nein, sicher nicht. Das ist ja nur ein Anstoß. Es geht um eine Veränderung der Perspektive: dass man auch aus dem Blickwinkel der jeweils anderen - seien das die Juden in Österreich, die Algerier in Frankreich oder die Menschen aus dem ehemals belgischen Kongo - zu sehen beginnt. Man muss die Geschichte der Opfer mit einbeziehen. Dieser Perspektivenwechsel findet jetzt statt, glaube ich. Falls es zu einem neuen Europa kommen sollte, wird der Kolonialismus wieder ein bestimmendes Thema, aber nun eben in Westeuropa, wo die Kinder der einst Kolonialisierten einem die Geschichte wieder ins Gedächtnis rufen. Und irgendwann wird man vielleicht auch in Österreich die Geschichte der Monarchie radikal anders erzählen müssen. Aber es ist doch so: Wer immer Geschichte schreibt, schreibt sie aus seiner Sicht. Ja, Geschichte ist die Geschichte der Mächtigen, aber diese ist veränderbar, je nachdem, wie stark ehemalige Opfer-Gruppen sich organisieren und artikulieren. Die Geschichte der Kreuzzüge etwa wird bald anders erzählt werden, weil die zweite und dritte Generation der moslemischen Immigranten sie erzählen wird. Stefan Grissemann Ist europamemoria in diesem Sinn auch der Versuch, von Geschichte alternativ zu erzählen, indem 25 Individuen ihre je eigene Geschichte vorstellen? Ruth Beckermann Diese 25 Leute erzählen nicht von Geschichte, sondern von ihren Erinnerungen. Man muss zwischen Geschichte und Gedächtnis unterscheiden. Geschichte ist das, worauf sich eine Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit einigen kann, Gedächtnis ist individuell. In europamemoria stelle ich zum Beispiel die Erinnerungen eines Sudetendeutschen neben die einer polnischen Jüdin, was ja als tabu gilt. Es ist bequem, jeden in seiner Schublade zu lassen. Geschichte ist in europamemoria immerhin die Basis, der Hintergrund der Erinnerungen. Sie ist die Folie, ja; der älteste Erzähler in europamemoria berichtet vom Zerfall einer österreichischen Familie während des Ersten Weltkriegs, die jüngste, eine 15-jährige Iranerin, erzählt von ihrer Entscheidung, Teheran allein zu verlassen, um als Mädchen ein freieres Leben führen zu können. Die Geschichte der vergangenen sechs Jahrzehnte bildet den Hintergrund der meisten Lebensgeschichten: die Judenverfolgung, die Vertreibung der Sudetendeutschen, die Vertreibung der Italiener aus Istrien, der Spanische Bürgerkrieg, Ungarn 1956, Prag 1968, Dien Bien Phu, die Folgen des britischen Kolonialismus in Indien und in Afrika, Palästina … Europa wird plötzlich ziemlich groß. Stefan Grissemann Wie ist die Auswahl dessen, was erzählt wird, verlaufen? War es denn leicht, die Schilderungen zu verknappen? Ruth Beckermann Es geht überall um die Geschichte der Wanderung, das ist das Entscheidende. Manchmal war das leicht zu kürzen, manchmal weniger: Die Menschen erzählen völlig verschieden, das gefällt mir auch gut daran. Manche sind ganz schnell und bündig, andere erzählen nur ein Stück, dann schweifen sie ab. Stefan Grissemann In der Auswahl der Geschichten, wie sie nun vorliegen, mischen sich tragische Erzählungen mit viel undramatischeren. War es wichtig, diese Mischung zu erhalten? Ruth Beckermann Schon, wobei: Mir ging es nicht darum, repräsentativ zu sein, also möglichst alle Gruppen, Sprachen oder Länder vorkommen zu lassen. Aber es ist faszinierend, dass es dennoch kaum Wiederholungen in den Geschichten gibt. Zunächst musste ich mich fragen: Wie drehe ich das, wen filme ich? Ich habe mich dann dafür entschieden, meine Freunde und Bekannten zu bitten, mich mit Menschen in Verbindung zu bringen, von denen sie meinen, dass sie für ein solches Projekt in Frage kämen; so habe ich eine Reihe von Leuten getroffen, die ich dann gebeten habe, vor der Kamera ihre Geschichten zu erzählen. Die Interviews selbst wurden ohne Vorgespräche geführt. Im Februar 2002 habe ich in Belgrad mit dem Drehen begonnen, im April war ich in St. Petersburg, später in Holland, dann in Italien, London, Deutschland, Österreich, Frankreich. Nach jedem dieser Gespräche habe ich die Bänder erst mal liegen gelassen, habe die Aufnahmen erst nach ein paar Wochen gesehen. Ich habe festgestellt, dass sich das Material dabei verändert, oft interessanter wird, als man das in Erinnerung hat. Da ich während der Dreharbeiten alles allein gemacht habe, auch die technischen Dinge, und oft ziemlich erschöpft war, hatte ich nach den Interviews bisweilen das Gefühl, dass sie nicht gut gewesen seien; später war ich dann oft erstaunt, wie spannend sie doch waren. Stefan Grissemann Mit welchen Fragen wurden die Erzählungen in Gang gesetzt? Ruth Beckermann Ohne Frage, wenigstens ohne konkrete Frage, eher mit einer Regieanweisung. Ich habe das Bild eingerichtet, die Kamera eingeschaltet und dann noch einmal mein Projekt beschrieben. Ich habe erklärt, worauf ich mit europamemoria hinaus will und dass jeder seine Geschichte erzählen kann, wie er möchte: von Anfang bis zum Ende, oder auch was einem gerade einfällt - oder nur ein kleines Stück daraus, wie auch immer. Ich habe niemanden gebeten, sich vorzustellen, aber es ist interessant, dass das einige tun. Das ist eben eine Möglichkeit zu beginnen. Ich stelle grundsätzlich so wenig Fragen wie möglich, auch in anderen Arbeiten. Stefan Grissemann Eine zentrale Idee des Projekts ist das Alleinsein: Der Betrachter ist in der Kabine allein mit der Erzählung, ebenso wie die Porträtierten im Bild. Ist europamemoria auch eine Arbeit über die Einsamkeit? Ruth Beckermann Überhaupt nicht. Diese Strenge ist eher meine Reaktion auf das Fernsehen. Ich ertrage es immer weniger, wie im Fernsehen unentwegt alles vermischt wird. Ich habe ja auch in meinen Filmarbeiten immer eher mit Trennung gearbeitet als mit Vermischung. Ich zeige die Dinge lieber hintereinander, voneinander getrennt, als etwa parallel geschnitten. Mit den Videosegmenten von europamemoria betreibe ich einen ungeheuren Aufwand. Da entstehen aus teurem Stoff Kabinen für jeden einzelnen Erzähler, für jede dieser kurzen Geschichten. Es ist wichtig, die Leute ernst zu nehmen, ihnen so viel Raum, Geld und Möglichkeit zu geben, sie eben nicht hintereinander zu schneiden oder einfach auf Monitoren im Raum zu zeigen. Natürlich hat auch die Raumsituation von europamemoria mit filmischen Zusammenhängen zu tun, nämlich mit der Montage. Indem man in der Ausstellung von einem zum anderen geht, montiert man sich seinen eigenen Film. Bewegung im Film entsteht ja vor allem durch den Schnitt, viel mehr als etwa durch Kamerabewegung. Ein Schnitt, und du bist plötzlich woanders, in einer anderen Zeit, einer fremden Sprache. Man könnte sagen, dass die in der Ausstellung gebotene Form der Montage durch die Eigeninitiative des Besuchers weniger autoritär ist als die im Film übliche. Sie überlässt auch dem Zufall mehr Spielraum. Ja, das gefällt mir sehr. Zufall und Überraschung sind sowieso zwei der wesentlichen Gründe für mich, Dokumentarfilme zu machen. Ich versuche Konzepte zu wählen, die Überraschungen möglich machen, will selbst überrascht und verführt werden von dem, was geschieht. Könnte ich alles kontrollieren, wäre Filmemachen doch ganz langweilig. europamemoria ist eine interaktivere Form des dokumentarischen Filmemachens: Der Betrachter wird aktiviert, nicht ruhig gestellt. Es werden ja auch keine Untertitel eingeblendet werden. Auch damit wird der Zuschauer zur Arbeit gezwungen. Ich bin ein wenig gelangweilt von der gegenwärtig üblichen Form, in Kunsthallen Videos zu zeigen: Diese entwickeln sich immer mehr zu kleinen, perfekt montierten Spielfilmen, vor denen man dann sitzt und sich fragt, warum man nicht im Kino ist. An Ausstellungen mag ich ja auch die Bewegung. Die Besucher sollen in meinen Kabinen nicht hängenbleiben, sondern - auch durch die Kürze der einzelnen Beiträge - zum Flanieren, zur Aktivität animiert werden. Verbindungen sollen sich herstellen zwischen dem, was zu sehen und zu hören ist. Dabei ergeben sich ganz überraschend Parallelen, die manchmal auch kaum mehr mit den Geschichten selbst zu tun haben, vielmehr mit dem Medium: Verbindungen etwa durch das Licht und die Bildkomposition. Stefan Grissemann europamemoria führt nicht nur verschiedene Erzählungen und Erzählweisen vor, sondern auch sehr verschiedene Beziehungen der Sprechenden zur Kamera. Geht es auch darum zu zeigen, wie die Anwesenheit aufzeichnender Maschinen jede Oral History prägt oder verfremdet? Ruth Beckermann Ja. Jede Erzählung ist Konstruktion, auch ohne Kamera oder Aufzeichnung. Die Präsenz der Kamera, der Bildausschnitt, in welchem sich die Gesichter so erstaunlich verschiedenartig bewegen, verstärken das Konstruierte noch: Die Montage wählt dann noch einmal nur ein Stück dieser Konstruktion aus. Die Künstlichkeit ist also gegeben. Und Erinnerung verändert sich, sie hängt stark von dem Moment ab, an dem sie wiedergegeben wird. Man erzählt von seiner Kindheit ja heute anders als, sagen wir, vor zehn Jahren oder in zehn Jahren, weil man andere Blicke darauf wirft. Die Männer in "Jenseits des Krieges", die von ihren Erlebnissen während des Krieges erzählen, hätten das zehn Jahre davor nicht so gemacht. Da geht es um Selbstlügen und Bequemlichkeit - und es hängt auch schlicht von Laune und Tagesverfassung ab: An manchen Tagen kann man Schmerz empfinden über Dinge, die man erlebt hat, an anderen Tagen steht man darüber, findet sie vielleicht sogar lustig. Eine Frau, die ich interviewt habe, hat mir ein paar Tage nach den Aufnahmen gestanden, dass ihre Erzählungen vor der Kamera nicht der Wahrheit entsprochen hätten, denn sie habe all das zynisch erzählt und den Schmerz draußen gelassen. Daher wolle sie auch nicht, dass ich das Video verwende. Was ich schade finde, denn es geht ja nicht darum, für immer wahr zu sein. An jenem Tag hat sich ihre Geschichte eben so dargestellt. Am nächsten Tag kann sie ganz anders sein. Man müsste Leute bitten, ihre Geschichten vor der Kamera dreimal zu erzählen, an drei verschiedenen Tagen, ganz verschieden gestimmt. Denn genau das ist es: Man führt Regie in seiner eigenen Erinnerung. Stefan Grissemann Was prägt Menschen zwischen den Kulturen? Gibt es da verbindende Eigenschaften? Ruth Beckermann Für alle gilt, dass sie eine Facette, einen Farbton mehr in ihrem Leben haben als die meisten anderen Menschen. Ich glaube auch, dass diese Menschen etwas anderes suchen als jene, die immer nur an einem Ort waren. Sie scheinen mir nicht so bewahrend, das Repräsentative ist ihnen vielleicht weniger wichtig. Ich habe den Eindruck, es geht ihnen eher um Produktion als um Konservierung, darum, etwas zu finden, das man gemeinsam tun kann. Weg von den Fragen "Wer bin ich?" und "Woher komme ich?" hin zu "Was kann ich?", "Was will ich?" und "Was können wir gemeinsam?". Stefan Grissemann Führt die äußere Beweglichkeit - die Migration - immer auch zu einer höheren gedanklichen Beweglichkeit? Ruth Beckermann Davon bin ich überzeugt, absolut. Jemand hat mal gesagt, er könne nur im Gehen denken; im Moment, da er stehenbleibe, könne er nicht mehr denken. Räumliche und geistige Bewegung sind eins, daran glaube ich fest. Das kann man nicht trennen. Die Idee der Bewegung - also: sich aufeinander hinzubewegen, etwas gemeinsam schaffen zu können, auch, obwohl oder weil man ganz verschieden ist - fasziniert mich. Stefan Grissemann Eine Frage durchdringt europamemoria: Ist die Erkenntnis, nirgendwo zu Hause zu sein, wirklich befreiend? Die Sehnsucht nach offenen Räumen, offenen Gedankenräumen scheint in den meisten der hier Porträtierten nicht gestillt. Ruth Beckermann Das ist ganz verschieden, glaube ich. Ich sehe die Vermischung der Kulturen als etwas sehr Positives, daher habe ich auch nicht nach den typischen Leidensgeschichten gesucht, habe diese aber nicht ausgeschlossen: Hätte mir jemand einen tieftraurigen Menschen gebracht, hätte ich auch ihn befragt. Aber das hat sich eben nicht ergeben. Ich wollte schon Leute zeigen, die etwas aus ihrer veränderten Situation gemacht haben. Das Verbindende aber ist, dass es da immer diese Ambivalenz gibt, diesen Schmerz und Verlust, bei jedem und jeder. Meist hat das mit Landschaft zu tun, mit Licht und Sonne, mit Kindheit, mit all dem, was dort fehlt, wo man gerade ist. Dann öffnen sich andere Räume, spiritual territories. Man gewinnt etwas Neues, neue Bekanntschaften, eine andere Kultur. Aber dazu muss man seinen tribe, seinen Stamm verlassen, denn man kann ja auch in einer fremden Stadt unter sich bleiben, sein Ghetto dort aufbauen. Dieses hinter sich zu lassen, erfordert Mut. Stefan Grissemann Einer der sehr menschlichen Widersprüche, die europamemoria zeigt, hat mit der Assimilation zu tun: Man liebt das Kosmopolitische der eigenen Existenz, hat aber doch den Wunsch, zu sein wie alle anderen. Findet Assimilation notwendigerweise statt? Ruth Beckermann Man muss, wenn man an einem Ort leben will, die Sprache lernen, die dort gesprochen wird. Sonst hat man keine Chance. Die Kinder müssen die bestmögliche Ausbildung bekommen. Ich habe im Rahmen dieser Interviews bemerkt, wie stark das Land, in das man kommt, das Lebensgefühl prägt. Die Menschen, die nach Frankreich gegangen sind, singen ein Loblied auf dieses Land, die Leute, die nach Wien gegangen sind, sprechen schon eher von der Ablehnung, die sie da erfahren haben. Auch die, die nach London gegangen sind, haben dort eine Gesellschaft vorgefunden, in der man aufsteigen konnte. Die success stories von Indern in Großbritannien oder von Nordafrikanern in Frankreich sind häufiger als jene von Türken in Wien. Die Gesellschaft, in die man kommt, spielt eine große Rolle, und da hat man es in Westeuropa, das einst Kolonien hatte, heute leichter. Assimilation macht nicht nur Neues möglich, sie löscht anderes auch aus. Aber das Schöne ist ja, dass etwas Neues entsteht, dass eine Mischung entsteht. Wenn man das Alte auf ewig erhält, dann muss jeder in seiner angestammten Gemeinschaft bleiben, für immer dort, wo er hineingeboren wurde. Das Schwierigste ist ja, aus dieser community rauszugehen und diese auch kritisch zu sehen. Jede dieser Gruppen, ob das die jüdische, die türkische oder die Roma-Gemeinde ist, ist ungeheuer engstirnig. Die Minderheit in der Minderheit zu sein, das ist das Schwierigste überhaupt. Das heißt nicht, sich der Mehrheit anzupassen. Seinen Stamm zu verlassen, dazu gehört großer Mut: auch der Mut, etwas zu verlieren, um anderes zu gewinnen. | zurück
|
||