ENGLISH DEUTSCH FRANCAIS

JENSEITS DES KRIEGES



Drehtagebuch von Ruth Beckermann, 1995

Oktober bis November 1995
Der Film „Jenseits des Krieges“ wurde in der Ausstellung „VERNICHTUNGSKRIEG – Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ vom 18. Oktober bis 22.November 1995 in Wien gedreht. Fünf Wochen lang wurden 200 Personen interviewt und 46 Stunden Video Hi8 Material aufgenommen. Aus diesem Material wurden 117 Minuten Film montiert. Filmbild und Ton bleiben von Anfang bis Ende in der Art eines Kammerspiels in den Räumen der Ausstellung. Während der Montage entschloss ich mich, weder mit Kommentartexten noch mit Musik oder Grafik in den Film einzugreifen. Über meine Gedanken und Gefühle während der Dreharbeiten erfährt man demnach wenig. Einblick in die Dreh-Situation gibt das in den Arbeitspausen geführte Tagebuch.

18. Oktober
Eröffnung der Ausstellung. Nach einem ersten Rundgang sagt ein Freund: „Wir leben unter Mördern. Wir haben es immer gewusst und verdrängt; jeder muss sich fragen, woran sein Vater, sein Großvater, seine Onkel beteiligt waren. Und auch wenn er es zu wissen vermeint, kann man nicht feststellen, ob sie was getan haben oder nicht.“
Krieg sei ein Gesellschaftszustand, sagt Jan Philipp Reemtsma (1) in seinem Eröffnungsreferat. Auch im kriegerischen Zustand sei es für eine Gesellschaft von Belang, welche Grenzen sie zwischen erlaubtem und unerlaubtem Verhalten ziehe. Die Ausstellung zeigt den Zustand der deutschen und österreichischen Gesellschaft vor 50 Jahren. Die Reaktionen auf diese Ausstellung spiegelten die seelische Verfassung dieser Gesellschaft in unserer Gegenwart.
Kein österreichischer Politiker eröffnet. Der Verteidigungsminister pflegt nostalgische Kontinuität am Ulrichsberg (2), kritischer Aufarbeitung stellt er sich nicht. Der ORF bringt einige Sendungen, die Eröffnungsrede Johannes Mario Simmels lässt er sich jedoch entgehen. Simmel spricht von den ehemaligen Soldaten, die immer sagen, sie hätten nur ihre Pflicht getan: „Das nur fehlt nie“, sagt er. „Sie hätten nur ihre Pflicht getan. Sie sollen doch einmal sagen, was ihre Pflicht war.“

19. Oktober
Wir filmten Interviews mit Raul Hilberg (3) und Manfred Messerschmidt (4). Hilberg sagt, für die Opfer sei es ganz egal, ob sie von der Wehrmacht oder der SS umgebracht wurden. Und wer welche Uniform trug. Doch das könnten SIE – die Österreicher, die Deutschen, die anderen – nicht verstehen.

22. Oktober
Wir drehen seit vier Tagen mit den Besuchern. Heute morgen kamen zwei, die sich über die Ausstellung empörten, ohne sie auch nur anzusehen. Sie hätten kein Geld bei sich. .Also blieben sie beim Eingang stehen und schimpften von Verleumdung.
Ein Veteran war heute, am vierten Tag, bereits zum zweiten Mal da. Warum?
Wie wirkt Aufklärung? Die Menschen scheinen mit der gleichen Grundeinstellung hinauszugehen, mit der sie gekommen sind. Die Bilder des Grauens: Lachende Soldaten lassen sich neben Erhängten knipsen; Soldaten machen sich einen Spaß daraus, alten Juden die Bärte abzuschneiden oder auszureißen – die Bilder ändern nichts, sie bestärken die einen in der Erschütterung, die anderen in ihrem trotzigen Festhalten daran, dass „Krieg eben Krieg sein“ und die Russen mindestens so grausam gewesen wären.
Am unheimlichsten aber sind die Wankelmütigen, die sich jeder Mehrheitsstimmung anpassen. Hier sind sie erschüttert, am Stammtisch spielen sie die großen Helden.
Gesichter sprechen, Gesichter täuschen.
Wir täuschen uns oft, wenn wir unsere Gesprächspartner auswählen. Der dort, war der Offizier? Nein. Antifaschist? In diesem Fall entpuppt sich der Mann als Monarchist, der es schaffte, sich während des ganzen Krieges in einem Lazarett herumzudrücken.
Endlich ein höherer Rang nach den vor Selbstmitleid triefenden „kleinen Landsern“: der Offizier Harald Mildner. Schneidig, wie man sich einen deutschen Soldaten vorstellt. Die sechste Generation Militärs in der Familie. Stammt ursprünglich aus Schlesien an der polnischen Grenze, studierte aber bereits als Jugendlicher in Wien. Nach dem Krieg stieg er gleich in die Wirtschaft ein. Die Fotos lassen ihn kalt, er spricht ausschließlich von „sogenannten Greueltaten“. Nichts passierte, das mit seiner Soldatenehre nicht zu vereinbaren sei. Nichts. „Zivilisten wurden in jedem Krieg erschossen“, sagt er. „Als Denkzettel. Wenn deutsche Soldaten angegriffen wurden, kannte man gar nichts. Dann wurde nach einem Schema – 1:10 oder 1:20 – erschossen. Meistens borgte man sich Leute aus den Dörfern aus, aus denen die Angreifer kamen ... Plündern war strengstens verboten. Saubere Wäsche durfte sich der Soldat von den Russen nehmen – falls er dort etwas Sauberes fand – aber nicht die Kopekensammlung ...“
Die schwere Arbeit des Krieges und der Vernichtung sollte eben, wie Hilberg sagte, kein Vergnügen sein.
Ich führe den Offizier zu den Fotos, auf denen man sieht, wie Soldaten Juden „aus Hetz“ auf einem Dorfplatz zum Baden in ein riesiges Fass werfen. Er meint, man müsste wissen, was danach mit denen passiert sei. „Wenn man sich nur eine bisschen mit denen vergnügt hat .. na ja.“
Omer Bartov schreibt: „Ganz anders als Verstöße gegen die eiserne Disziplin im Gefecht wurden Verbrechen, die Soldaten unerlaubt am Feind begingen, jedoch nur selten geahndet, zum einen deshalb, weil die Vorgesetzten solchen Aktionen im Grunde wohlwollend gegenüberstanden, zum anderen, weil sie ein willkommenes Ventil darstellten für die Wut und Frustration, die sich, bedingt durch die strenge Disziplin, die steigenden Verluste und die Aussichtslosigkeit des Krieges, in den Männern aufgestaut hatten.“

23. Oktober
Immer die gleichen Geschichten: Nichts gesehen, nichts gehört. Krieg ist Krieg, und Krieg ist schrecklich.
Was zieht die Alten hierher? Wie erotisch ist ihr Verhältnis zu diesen Bildern? Ein intimes Verhältnis ist es jedenfalls, das den Reiz des Verbotenen hat und deswegen seinen Reiz nicht verliert. Was waren das für Väter? Was gaben sie ihren Söhnen mit?
Eine Frau sagt: „Verleumdung ... Mein Mann war auch im Krieg und ist kein Verbrecher ... Man weiß ja, dass sich die SS Wehrmachtsuniformen anzog.“
Irgendwann wird man uns noch weismachen wollen, die Soldaten seien eigentlich verkleidete Juden, die das deutsche Volk ausrotten wollten. Nicht einmal Fotos sind vor Interpretationen geschützt. So absurd es ist, einzig die Ermordung der Juden wird heute nicht mehr (noch nicht wieder?) verteidigt. Hier hat massive 'Aufklärung' (also Hollywood) zumindest ein Tabu erzeugt, während sich an der Einstellung zur Vernichtung der „bolschewistischen Führungsschicht (der Kommissare), der '“Freischärler“ und Partisanen – sie werden auch heute als „Banditen“ bezeichnet – nichts änderte. Im Gegenteil. Indem sie die Judenvernichtung als „entsetzlich“ bezeichnen, also der Verurteilung des Schlimmsten zustimmen, gewinnen sie die Freiheit, alles andere mehr oder weniger zu entschuldigen oder gar zu verteidigen.

24. Oktober
Heute klebt ein Aufkleber der „Bajuwarischen Befreiungsarmee“ an der Eingangstür.
Viele Männer sind schon vor 14 Uhr da. Die meisten allein oder mit einem Freund. Paare sind ganz selten. In der Ausstellung herrscht Stille. Die Stille hat nicht nur damit zu tun, dass viel gelesen werden muss. Wer steht neben wem? Auch heute ist der einzelne feig, solange er allein ist. Mutig wird er im Kreis seiner Kameraden. Leere im Ausstellungsraum über das „Verwischen der Spuren.“ Hier sind keine Bilder, nur Texte zu sehen. Die Leute kommen Bilder schauen. Was passiert beim Betrachten der Fotos? Erkennt er jemanden? Orte? Erinnerungen? Lust, Scham, Leid? Schöne Zeit? Jugend, „ein bisschen Vergnügen“?
Auch die Anständigen schweigen, um die neben sich nicht zu provozieren. Stille.
Um 15.30 Uhr kommt die Polizei. Vier Polizisten warten auf die Spurensicherung. Die entfernt den Aufkleber von der Glastür, föhnt, löst mit Gummihandschuhen das Papier ab und verpackt es in Plastik: „Bajuwarische Befreiungsarmee. Wir wehren uns.“ Links oben in der Ecke ein blaues A.
Auf 100 Männer kommen fünf bis zehn Frauen. Eine ältere Frau sagte heute: „Das hier ist ein Männervergnügen. Die kommen her um ihr Mütchen zu kühlen. Die Frauen sind noch immer dumm. Die haben noch immer nicht begriffen, dass sie das was angeht.“
Die Gesten der Alten. Ein alter Mann greift den anderen am Arm an. Schulterklopfen. „Ach, waren wir doch klasse Burschen.“ Diese fast mitleiderregenden Alten. Medizinisch überversorgt, psychisch verlassen und verkrüppelt. Aber was haben diese Väter ihren Kindern mitgegeben? Und was kommt aus diesen Kindern erst so richtig heraus, wenn die Väter tot sind?
Heute starb mein Onkel Hermann Sommer in Israel. Er war Bäcker. Ein kleiner sanfter Mann. Er überlebte Transnistrien, Mogilew. Er buk Brot aus allem, was er finden konnte. Soviel er konnte, für so viele Hungrige wie möglich. In Israel kamen immer wieder Überlebende zu ihm und dankten ihm. Er war ein „Mensch“. Das ist einer, der – woher er auch kommt, ob er arm ist oder reich, in welcher Situation auch immer – das erfüllt, was über die biologische Zugehörigkeit zur menschlichen Spezies hinausreicht: ein Mensch zu bleiben. Aber wie viele jiddische Ausdrücke lässt sich auch dieser nicht erklären.
Noch immer taucht kein einziger Politiker auf. Wahlkampf. Die „Kronen-Zeitung“ schweigt. Irgendwann, bald mal wird sie von den Schreckenserlebnissen „unserer Landser“ in russischer Gefangenschaft berichten.

25. Oktober
Bisher gefilmtes Material angesehen. Da sind sie wieder, die Männer, die ich vor zehn Jahren während des Waldheim-Wahlkampfes drehte. Ich kann sie nicht mehr hören. Ich will ihnen nicht das Wort geben. Schließlich sind die nicht meine Väter. Sie machen mich ungeduldig, ich unterbreche, wenn sie lange von ihrer Gefangenschaft und ihrem Elend reden. Manche laden uns in ihre Wohnungen ein, um Kriegsalben anzusehen. Danke nein; hier zwischen diesen Fotos an weiß gekachelten Wänden, hier im Neonlicht will ich sie filmen.
Öffentlich ist es geschehen, in der Öffentlichkeit sollen sie darüber reden.
Immer die Vergleiche: mit den Grausamkeiten der Roten Armee, aber auch denen der Engländer, Franzosen, Amerikaner – und immer wieder Dresden. Bis heute keine Verschiebung der Werte. Wenn alle es getan haben, beruhigen sie sich, sei es nicht so schlimm. Irrealisierung der Kriegs- bzw. NS-Zeit. Sie sind unfähig, normale ethische Bewertungen (gut, böse, Mitleid) auch auf diese Zeit anzuwenden.
In zwei Punkten herrscht bei fast allen Veteranen Einstimmigkeit:
- Der Russland-Angriff war in Ordnung.
- Zivilisten-Erschießungen waren normal.

26. Oktober
Fünf Burschen und zwei Mädchen, 18jährige aus einem feinen Bezirk, Hietzing oder Grinzing. Sehr belesen; kennen die Bücher von General Mannstein etc. rauf und runter. Warum interessieren sie sich so sehr für Militärgeschichte, Uniformen? Denke an Sartres „Kindheit eines Chefs“. Der Junior lernt argumentieren, lernt, die eigene Klasse zu verteidigen. Zu Hause die einschlägige Literatur, Diskussionen, da schweigt man nicht. Die alten Herren reden, ‚gute’ Familie. Auf vielen Fotos sehe man SS oder SD, keine Wehrmacht. Außerdem könne man nicht von Vernichtungskrieg sprechen. Es sei darum gegangen zu erobern, aber nicht darum, die Bevölkerung zu vernichten. Ganz im Gegensatz zu Stalin, der den Mittelstand hätte ausrotten wollen. Auf die Vernichtung der Juden muss der junge Herr erst hingewiesen werden.
Ein Kärntner berichtet: Der Gendarm, der während der NS-Zeit bei der Gestapo war und noch kurz vor Kriegsende selbst einem Polen den Schemel unterm Galgen wegtrat, sei nach 45 zwei Jahre aus dem Dorf verschwunden, dann sei er Chef der Gendarmerie geworden.
Er erzählt auch von Verwandten, die zwei behinderte Kinder hatten, die „abgespritzt“ wurden. Ich frage, ob die Eltern danach Antifaschisten wurden. „Aber wo,“ sagt der Mann.

27. Oktober
So mancher Alte geht dreimal am Eingang zur Ausstellung vorbei, schaut sich öfter um, ob er auch nicht gesehen wird und huscht dann rasch hinein. Kameramann Peter Roehslers Theorie: „Wer nicht geschossen hat, geht direkt hinein. Wer geschossen hat, muss Auslagen anschauen oder zum Wirt gehen und sich Mut antrinken.“
Pornojäger Martin Humer taucht auf, schaut sich kaum um und regt sich schon über die „Verleumdungen“ auf: „Geht’s am Fleischmarkt zu den Abtreibern und schaut’s euch an, wie dort das ungeborene Leben gemordet wird ... Die Russen wären heute am Atlantik, hätten wir sie damals nicht aufgehalten ...“ (5)
Eine etwa 45jährige Frau mit Tränen in den Augen: „Das kann nicht stimmen, was hier gezeigt wird ... es können nicht alle schuldig sein ... meine Onkel waren keine Mörder ...“
Wir beobachten einen Mann mit Trachten-Spitzhut und Regenmantel (beides lässt er an), der alles liest und ganz lange ansieht. Mehr als zwei Stunden vergehen. Dann setzt er sich noch eine Stunde vors Video. Beinahe entwischt er uns. Der erste, der Mitgefühl mit den Opfern zeigt. Er spricht von Mauthausen und Dresden, das er jedoch in eine Chronologie einbettet: Zuerst bombardierten die Deutschen, dann kam Dresden. Er war drei Monate in Polen beim Reichsarbeitsdienst und hat gesehen, wie man den Polen auf den Kopf schlug, weil sie nicht vor deutschen Soldaten salutierten.

28. Oktober
Streitgespräch zweier alter Männer:
Der eine, beinamputiert, berichtet, dass er während seines Einsatzes beim RAD in der Nähe des KZ Groß-Rosen gearbeitet habe. „Auf der einen Seite des Zauns haben wir gearbeitet, auf der anderen waren die KZler.“
Der andere beteuert, er habe nichts gesehen, da er ständig an der Front gewesen sei.
Darauf der erste: „Mit meinen eigenen Augen hab’ ich’s gesehen, und es war normal, was zu sehen. Abnormal war, dass meine ehemaligen Kameraden und meine Mitschüler, die das mit mir gesehen haben, bereits 1946 sagten, sie hätten nichts gesehen und nichts gewusst.“ Worauf der erste ihn zu beschimpfen beginnt: „Bist beinamputiert und redest einen solchen Blödsinn ...“
Wer sich nicht an die vereinbarten Codes hält, ist ein Verräter. Wahrscheinlich entstanden die Codes, wie man über diese Zeit zu sprechen und zu schweigen habe, bereits mitten in Niederlage und Zusammenbruch, festigten sich dann in den Kriegsgefangenen-Lagern und bewährten sich in der Heimat, angereichert durch Legenden vom armen, überfallenen, österreichischen Volk.

29. Oktober
Nebel. Allerheiligstes Grau.
Kälte draußen, Kälte in der Ausstellung auf den Gesichtern der Zuschauer: der Zuschauer auf den Fotos, der fotografierenden Zuschauer, der Betrachter der Fotos.
Heute gibt es einen „Herrn Karl in Jugoslawien“(6). Nichts gesehen, nichts gewusst, aber über die Banditen, die aus den Fenstern geschossen hätten, hergezogen. Daraufhin sei man mit Panzern ins Dorf hinein und habe es angezündet. Ein Herr (aus Serbien?) tritt ins Bild und fragt ganz ruhig: „Wer hat sie denn eingeladen?“ Herr Karl versteht nicht. „Wer hat sie denn eingeladen, nach Jugoslawien zu kommen?“
Darauf der Herr Karl: „Na, Sie san lustig.“
Ingeborg Bachmann schreibt von den „höflichen und zivilisierten“ Mördern. Sie hat die Verwandlung der Mörder und Irren in Ärzte, Gendarmen, Väter miterlebt und miterlitten bis zum Tod.
„Brut“ nannte der Österreicher Franz Riedl die 90 Kinder, die er erschießen ließ.
Meine Freundin N. meint, es sei zumindest ein wenig gerecht, wenn die Frau, die um ihren Onkel weint, nicht wisse, ob diese Verbrecher gewesen seien oder nicht. Von den toten Opfern wisse man auch oft nicht, unter welchen Umständen sie gestorben sind. Das Aufrechnen hört nie auf, der Graben zwischen uns, den Kindern, Enkeln, Urenkeln der Opfer, und ihnen schließt sich nicht.
Hundert Jahre dauert es, sagen die Psychoanalytiker, bis die Nachfahren keine emotionale Verbindung der Ahnen mit den eigenen Eltern mehr herstellen. Bis dahin machen wir’s Kafka nach, der sagte, er schreibe seine Geschichten, „um sie aus dem Sinn zu verscheuchen.“

4. November
Wie Beamte fahren wir jeden Tag an unseren Arbeitsplatz. Jeden Tag gefällt mir das sogenannte ‚Russendenkmal’ am Schwarzenbergplatz besser. Die Truppen, die Wien befreiten, konnten vom ganzen Ausmaß der Verwüstung und Vernichtung ihres Landes noch nichts gewusst haben. Sonst hätten sie sich zu den Deutschen und Österreichern wohl anders verhalten. Nicht die Vergewaltigungen sind erstaunlich, sondern das Ausbleiben weiterer Vergeltungs- und Rachemaßnahmen.
Gestern sagte einer: „Ich wundere mich, dass die Russen uns nicht alle erschlagen haben für das, was wir ihnen angetan haben.“

5. November
Eine Frau – Kindergärtnerinnen-Ausbildung in der NS-Zeit – berichtet, dass die Eltern eines Buben, der „abgespritzt“ wurde, geschwiegen hätten. Das ist die dritte, die ähnliches erzählt. Was sind das für Menschen?
Denke an unsere Professorinnen im Gymnasium. Sie haben auch ihre Ausbildung während der NS-Zeit erhalten, dann vielleicht einige Jahre pausieren müssen, dann waren sie unsere Lehrerinnen.
Zwischen Verhör und Mitleid. Ich muss mir den kalten Blick bewahren. Wie filmt man Feinde? Feinde: Heute sind sie alte Männer, in keiner Weise gefährlich.
Wie immer sie sich jedoch damals verhielten, sie gehörten der Tätergesellschaft an. Potentiell waren alle Juden Opfer, denn alle – alle – Juden sollten ausgerottet werden, im ganzen Machtbereich der Deutschen, und das hieß letztlich auf der ganzen Welt. Potentiell waren die damals alle Täter oder bystanders. Bystanders; nicht nur Zuschauer. Beisteher, Beistand leisten.
Meine Augen sehen die alten Männer, die Fotos aus ihrer Jugend betrachten. Die danach eine, in ihren Augen, junge Frau ansehen. Eine, die keine Ahnung hat, die aber da ist, die wissen will, die fordert, die kein Mitleid hat, die nichts gelten lässt, was man sich danach zurechtgelegt hat. Die einen so sehen will, wie man vielleicht damals war. Als man jung war. Die einen ganz einfach als Teil der Wehrmacht, Teil des Deutschen Reiches sieht. Nicht als Kriegsgefangenen und Kriegsverlierer und Wiederaufbauer. „Bleib dort, bleib bei den Fotos,“ fordert die Frau, die noch dazu eine Frau ist und von Militärsachen keine Ahnung hat.
Der moderne Dokumentarfilm ist ein Kind der 70er Jahre. Voller Utopie, voller Hoffnung. Wir waren stets auf Seiten der Unterdrückten, aller Opfer dieser Welt und im Wesentlichen waren unsere Filme auch Sympathiewerbung für sie. Seit 1989 sind alle Filme neu zu drehen, alle Themen neu aufzugreifen. Die Chance des Dokumentarfilms ist der kalte Blick, die Beobachtung, die Analyse.
Trotzdem: Wie filmt man Feinde? Ich muss ein intimes Verhältnis mit ihnen herstellen, wenn auch nur für kurze Zeit, solange die Kamera läuft. Früher verglich ich die Interviewsituation mit einer Verliebtheit, bei der ich mich ganz und gar auf mein Gegenüber konzentriere, während die Welt rundherum versinkt. Diese Partner liebe ich nicht. Es ist eine Gratwanderung. Ich muss sie filmen, ohne sie zu denunzieren und ohne mit ihnen eine opportunistische Komplizenschaft einzugehen.

8. November
Zu Beginn des Buches „Die helle Kammer“ berichtet Roland Barthes von der Erfahrung, als er auf eine Fotografie des jüngsten Bruders von Napoleon, Jérôme, aus dem Jahr 1852 stieß. Damals sagte er sich: „Ich sehe die Augen, die den Kaiser gesehen haben.“ (7)
Ähnlich erging es mir, als ich die Fotos von den Verbrechen der Wehrmacht sah: ich sehe die Augen, die die Gemarterten, Gehängten, Gedemütigten gesehen haben. Ich sehe, wie sie sie gesehen haben. Sie sahen sie mit großer Freude, mit Lust, mit jugendlichem Übermut.
Sicher wussten wir, dass die Wehrmacht nicht unschuldig war, sondern sehr wohl beteiligt an der Durchführung der NS-Vernichtungspolitik. Ginge es allein darum, würde die Ausstellung nicht eine solche Diskussion, ja fast schon Hysterie auslösen. Was erschüttert, ist das Medium Fotografie. Fotos sind Belege dafür, dass es so war. Belege, die keine Zeichnung, keine Erzählung und auch kein Filmmaterial bietet.
Die Fotos halten den ehemaligen Soldaten die Wirklichkeit vor Augen. Sie geben den verschwimmenden eigenen Bildern wieder Schärfe und zerreißen die Schleier, die sich in den vergangenen 50 Jahren gebildet haben. Dagegen kommt keine Sprache an. Da ist nichts zu leugnen. Eine große Anklage. Darum gehen die meisten hin: um zu sehen, ob sie selbst auf einem der Fotos zu erkennen sind. Die Angst vor der Aufdeckung begleitet sie.
Ich sehe die Augen der inzwischen alten Besucher, die Augen der ehemaligen Soldaten, die diese Fotos sehen. Wiedersehen. Denn viele solche und ähnliche Fotos haben sie ja während und nach dem Krieg gesehen, mit Kameraden, in Alben geklebt.
Was verwirrt sie so? Nicht das Wissen. Auch sie wussten damals und wissen seither von den Fakten. Es muss die Konfrontation mit ihren damaligen Gefühlen sein; das Sehen der Augen der Soldaten, die damals fotografierten. Denn diese Fotos sind Belege nicht allein für die Verbrechen, sondern auch für die Begeisterung der Mehrheit der Soldaten: lachende Soldaten hinter und vor der Kamera.
Und das Unvermittelte der Fotografie. Wie ein Schlag ins Gesicht: Die Erschießungen, die Deportationen hat es gegeben. Punkt. Barthes spricht von der Wirkung eines Fotos von einem Sklavenmarkt (im Unterschied zu einem Stich oder einer Zeichnung). Das Foto beweist, dass es den Sklavenmarkt mit Bestimmtheit gegeben hat. Es ist „(...) keine Frage der Genauigkeit, sondern der Wirklichkeit: Der Historiker war nicht mehr der Vermittler, die Sklaverei wurde ohne Vermittlung wiedergegeben, das Faktum ohne Methode angesiedelt.“
Die ehemaligen Soldaten bezeugen noch einmal, was die Fotos unmissverständlich zeigen: dass die Verbrechen dieses Krieges Wirklichkeit gewesen sind. Und sie stellen eine Verbindung zu den Toten her, die sie gesehen haben, eine Verbindung zu einer Welt, zur Welt des Ostjudentums, die sie noch gesehen haben, während sie sie zerstörten. Die Aussagen der ehemaligen Soldaten bezeugen die Verbrechen „nicht durch historische Belege,“ sondern – wie Barthes schreibt – „(...) durch eine neue Art von Beweisen, die – obgleich es sich um Vergangenheit handelt – in gewissem Sinn experimentelle und nicht mehr nur logisch erbrachte sind: Beweise im Sinne des heiligen Thomas, der den auferstandenen Christus berühren wollte.“
Das Wesentlichste an diesen Männern ist, dass sie in immer neuen Variationen sagen: Es stimmt, diese Verbrechen sind geschehen, sind Wirklichkeit. Es ist beunruhigend, dass wir diese Zeugen benötigen, obwohl doch längst alles bewiesen ist. Ja, dass sie ‚glaubwürdiger’ zu sein scheinen als die Opfer. Was heißt das? Kämpfen wir ständig gegen den Revisionismus an?

15. November
Immer wieder die Frage: Warum wird ein Mensch so oder so? Warum erzählt er so oder so? Denn wie aus den Gesprächen deutlich wird, gab es eine Wahl. Nicht um die bis zum Überdruss wiederholte Feststellung – „Was hätten wir denn machen sollen, wir mussten ja in den Krieg“ – geht es, sondern um die vielen kleinen Entscheidungen. Auch als Soldat war man nicht nur Objekt mörderischer Befehle, sondern jeder Landser bestimmt aktiv den Grad der Grausamkeit gegen die Zivilbevölkerung mit, und er trug sie mit. Zu Erschießungen musste man sich freiwillig melden. Meldete man sich nicht, geschah einem nichts, keine Strafen, allerdings auch keine Belohnung, wie Urlaub oder Eisernes Kreuz.
„An der Ostfront,“ schreibt Omer Bartov, „erreichte die fortschreitende ideologische Durchdringung der Armee ihren Höhepunkt: Die Truppe wurde auf der einen Seite dazu angestachelt, mit außerordentlichem Einsatz zu kämpfen, auf der anderen, beispiellose Verbrechen zu begehen.“
Die Vorstellung, die Kriegsschuld wäre nach der Niederlage verdrängt worden und käme durch Aufarbeitung wieder hervor, scheint mir falsch zu sein. Die Verdrängung beginnt nicht danach. Es ist falsch zu glauben, dass sich 1945 schlagartig ein Tabu bildete. Bereits in der aktuellen Situation gab es Hinschauen oder Wegschauen, Mitmachen oder Verweigern. Sehen und Wissen, der Zusammenhang von Sehen und Wissen – Voir et Savoir – ist das Thema des Films. Was hat man gesehen? Oder was hat man gesehen und trotzdem nicht gewusst?
Warum sah der kleine weinende Herr Bowman die Waggons mit den russischen Kriegsgefangenen am Bahnhof von Minsk, bei 40 Grad Hitze, wo jeden zweiten Tag die Toten rausgeworfen wurden? Und sein Kamerad neben ihm sah sie nicht. Nahm sie nicht wahr, weil er vielleicht mit der Überlegung beschäftigt war, wo er was zu essen bekommen wird oder weil er die Behandlung der Soldaten normal fand ... Vorurteile, Angst und Brutalität vermischen sich. Bowman sagt: „Sie haben es gesehen, sie haben es aber anders gesehen als ich, sie haben es nicht gesehen.“
Erst durch den kleinen Herrn Bowman wird mir klar, was die meisten so furchtbar verbindet: Ihre Unfähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, sich vorzustellen, wie die Polen und Russen sie wahrgenommen haben. Ihr Mangel an Empathie.

17. November
Typen.
DER FEIGLING UND MITMACHER:
davor und danach Sozialist oder Katholik, das Dazwischen irrealisiert.
DER UNGEBROCHENE:
Nazi eh und je und immer noch oder echter Antifaschist eh und je.
DER SCHWEJK-TYP:
Wiener Typ im positiven Sinn.
DER AUSSENSEITER:
Individualist;
besitzt eine gewisse Immunität, die zum Teil aus der Erziehung kommt, zum Teil einfach Glück, Charakter, Gene oder sonstwas ist.

Die erste Gruppe ist in der überwiegenden Mehrheit.

Die einzig mögliche Filmform: Auftritt, Abtritt; eine Serie. Eine Anhörung.

----------------------------------------------------------------

1) Jan Philipp Reemtsma ist Gründer und Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Die Wehrmachtsausstellung ging auf seine Initiative zurück.
2) Einmal im Jahr, im Oktober, wird von der Ulrichsberggemeinschaft eine Gedenkfeier ehemaliger Wehrmachtssoldaten veranstaltet, an der sich auch neonazistische Organisationen beteiligen.
3) Raul Hilberg war einer der wichtigsten Forscher über die Shoa (Die Vernichtung der europäischen Juden. Die Gesamtgeschichte des Holocaust, Olle&Wolter, Berlin 1982)
4) Manfred Messerschmidt ist deutscher Militärhistoriker, der sich vor allem mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzt.
5) „Fleischmarkt“: Adresse einer Abtreibungsklinik in Wien
6) Der „Herr Karl“ ist eine Figur des Wiener Kabaretts, die sich vor allem durch ihren grenzenlosen Opportunismus auszeichnet.
7) Roland Barthes, Die Helle Kammer, Suhrkamp, Frankfurt/Main, 1985