Österreich 2001, DV/35mm, Color, 85 min.

Distribution:
Austrian Film Commission
Tel. +43-1-52633230
Die Marc Aurel-Straße in Wien: Da ist der letzte jüdische Händler im ehemaligen Textilviertel, der iranische Hotelier, das Café Salzgries mit seinen Stammgästen. Von Sommer 1999 bis Frühling 2000 unternahm Ruth Beckermann kleine Reisen vor die eigene Haustüre und erkundete ihre Umgebung mit der Kamera. "Es gibt viel zu viel, um alles zu zeigen", heißt es im Filmtext, "und schließlich kann sich jeder vorstellen, wie so eine Straße im ältesten Teil von Wien aussieht. Was mich interessiert, sind die Menschen, die diskutieren und gestikulieren und intrigieren und studieren und einfach nur vorbeispazieren. Sie mag ich filmieren."
In diesem Jahr wechselten nicht allein die Jahreszeiten, sondern auch die Regierung. Jeder dritte Österreicher hatte Haider gewählt. Und so zeigt der Film unter anderem, wie der politische Umbruch im Kaffeehaus reflektiert wird, das laut Alfred Polgar "eine Weltanschauung ist, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen."

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D: Kommen Sie mit, Gnädigste, werden wir zu viert sein.
R: Was kommt in diese Sendung?
B: Das wird ein Film.
R: Ah, Film.
E: Mit den Deppen dabei, mit uns?
R: Das wird die Marc Aurel-Straße .... ja, das wollte sie schon längst machen. Eine schöne Straße.
D: Sie hat schon gemacht, ich bin schon in einem Film.
E: Mein Geschäft ist auch drinnen? Aber leider, es ist schon zu.
D: Jetzt macht er bessere Geschäfte ... Exportgeschäft, wo ist der Unterschied .... Gott sei Dank .... Familie Erbs ist groß in Ordnung.
R: Mach' ihm nicht Reklame ... wenn das das Finanzamt hört ....
D: .... die können ihn küssen, er ist in Pension. Kommen Sie her ...

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Wenn ich aus dem Haus gehe, treffe ich meistens Herrn Doft und Freunde. Guten Morgen. Guten abend. Wie geht's? Was man so mit den Nachbarn spricht ... Von einer großen Reise mit großer Kamera zurückgekehrt, nehme ich die kleine Kamera auf kleine Reisen vor meine Haustüre mit, um mir meine Umgebung mal genauer anzusehen.

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R: Dieser Film kommt und zeigt die Freundschaft zwischen uns und den Arabern.
D: Na, na.
R: Oh ja, er ist ... er ist ein Freund von dir, er, von vis á vis. Siehst du, wie später er den Garten gemacht hat? Im Winter hat er zu gehabt.
B: Wer ist das, da gegenüber?
D: Das ist ein Perser ... aber er ist ein netter Mensch. Ruth, ich sag' Dir etwas, uns Juden hat man nicht sehr gerne auf der ganzen Welt. Wir sind eine kleine Minderheit ... dafür hat man uns auch umgebracht ... 6 Millionen Menschen ... sie haben Angst vor uns. Wir sind intelligente Menschen, und wir können was. Heute wären wir 40 Millionen Juden ......wir haben ihnen gegeben Kultur. Sie haben genug gelernt bei uns. Sie kriegen noch zurück ... sie kriegen's zurück ... schau in Persien, was sich tut ! Erdbeben ... Gott wird schon machen. Ich glaube an Gott, ich werde nicht sein, aber sie bekommen's zurück ... Jeder kriegt seines, es kommt die Zeit, es ist eine Zeitfrage, nicht jetzt ... in hundert Jahren, in siebzig Jahren, in dreißig Jahren. Das Blut meiner Mama ruht nicht. Von meinem Papa auch nicht. Meine Mama war alt 38 Jahre, mein Papa 41 Jahre, ein Bruder mit 20, eine Schwester mit 14, ein Bruder mit 12, ein Bruder mit 10, erschossen ... im 41er Jahr. Bis heute weiß man nicht, wo sie liegen. Warum? Herausgenommen aus einer Wohnung. Niemandem hat meine Mama etwas gemacht. ... das kann ich, ... werde ich nie, nie akzeptieren, ... nie verzeihen, ... nicht einmal vor Gott werde ich verzeihen, ... na, aber mit dem mußt du leben, weil du hast Kinder.
R: Warum haben sie gesucht diese Marc Aurel ? Was ist Marc Aurel ? Marc Aurel-Straße war einmal eine Geschäftsstraße .... Jetzt sind mehr Restaurants ... abends ist es sehr, sehr besucht hier. Sie wissen das. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sechs Restaurants.
D: Die ganze Marc Aurel-Straße ist geworden ...
R: Abends ist hier viel Bewegung
D: Wie ?
R: Dort kann man Fische essen, sehr gut ... Fisch kann man dort vis á vis essen, sehr gut.
D: Man kann alles essen, wenn man Geld hat.
R: Auch ohne Geld ...
D: Ohne Geld gibt's keine Hochzeit.
R: Du bist sehr photogen, Du kommst in den Film. Ich glaube, Du bist in der ersten Rolle.
D: Ich bin auch die erste Rolle.
R: ... Marc Aurel-Straße.
D: Glaub' es nicht, ich sag Dir etwas, was ich hab' mitgemacht, und heute erleb' ich noch, ich bin einer der größten Künstler auf der Welt. Ich bin nur durchgekommen, durch mein Glück, weil ich hab Mazel gehabt. Und bei uns, bei den Juden wird gesagt, ist man gut zu den Eltern, leben die Kinder lang. Ich war ein sehr gutes Kind, leider habe ich mit 19 Jahren schon die Mama verloren. ... aber sonst ... ich danke dem Herrgott, daß ich lebe halt. Hab' eine schöne Familie, eine glückliche, sieben Enkeln, .... gute Kinder, gute Tochter, guten Sohn, gute Schwieger ... ich habe nicht bezahlt, aber meine Eltern haben leider bezahlt mit dem Leben, aber mir, na ja ... guter Gott ...
Mann: Da gibt mir jemand Schokoladebananen für meine Tochter ?
D: Ja, sowieso.
MD: Grüß Gott.
D: Wollen Sie eine ?
M: Nein, aber meine Tochter. War sie heute nicht da?
D: Heute nicht, gestern war sie da.
M: Gestern.

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Es gibt Vieles in meiner Straße: zwei Zeitungsredaktionen, einen Kindergarten, vier Restaurants, ein Hotel, ein Bordell, zwei Textilgeschäfte (en gros), es gibt Kopfsteinpflaster, Bäume und eine Statue des Kaisers Marc Aurel. Es gibt den kleinsten Kreisverkehr der Stadt, seit neuestem gibt es auch Handy-und Internet-Geschäfte.

Es gibt viel zu viel, um alles zu zeigen - und schließlich kann sich jeder vorstellen, wie so eine Straße im ältesten Teil von Wien aussieht. Was mich interessiert, sind die Menschen, die diskutieren und gestikulieren und intrigieren und studieren und einfach nur vorbeispazieren. Sie mag ich filmieren.

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K: Ja, Marc Aurel-Straße. Kennst Du den Witz ? In New York, da ist so eine Gasse, ein jüdischer Schneider ... und einer schreibt hinaus, da ist der beste Schneider, der beste Schneider von New York. Und am nächsten Tag sieht das ein anderer, und er schreibt hinaus, da ist der beste Schneider von Amerika. Und dann denkt sich der nächste ... und der schreibt dann hinaus, da ist der beste Schneider von der Welt. Dann bleibt noch einer übrig und der denkt sich, was soll ich schreiben, und dann schreibt er, da ist der beste Schneider von der Gasse.
R: Ja, eh, klasse.
K: Das wird nämlich ein Film über die Gasse.
R: ... über die Gasse ...
K: Ahhh.
K: Ich hätte gerne noch einen Erdäpfelsalat.
R: Du, Mahlzeit, Kurti.
K: Du, Danke.

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Also beginne ich am wichtigsten Ort, dem Café gegenüber. Jeden Morgen, wirklich früh, kommt Riki in ihr Lokal, frühstückt, schaut nach dem Rechten und geht wieder. Früher kam sie mit ihrem Mann, dem Ernst Göschl. Sie ging nach Hause und er blieb, blieb den ganzen Tag, wurde sein bester Stammgast. Später, so um 10 Uhr herum, kommen die Frühstücks-Stammgäste: Hasi und Christa und Armin und Rudi und Lisl und Frau Wolf und Herr Doft. Und ich. Zum Zeitunglesen und Schauen und Schreiben und Denken. Zum Arbeiten ohne Ablenkung oder zur Ablenkung von der Arbeit. Um allein zu sein, wozu man manchmal Gesellschaft braucht und aus all den anderen 100 Gründen, von denen vielleicht der zutreffendste lautet: Um nicht zu Hause zu sein und doch nicht an der frischen Luft.

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B: Der Ernstl ist ja den ganzen Tag da gewesen ...
G: Ja, bis 7 am Abend. Das war sein Leben. Und ich sag' Ihnen etwas, die Stammgäste, die reden lieber mit meinem Mann. Weil die können über ganz andere Themen reden, als mit mir. Mit mir können sie nur reden über Viecher, über Viecher, und über Viecher. Und das ist auch nicht interessant, jeden Tag dasselbe hören.
B: Der Ernstl ist immer am Stammtisch gesessen...
G: Immer. Wenn einer hereingekommen ist, wenn es auch momentan leer war ... da haben sie gesehen, der Ernstl ist da ... dann haben sie sich hingesetzt. Dann ist der nächste gekommen ... aha, da sitzt schon wer ... und auf einmal war es voll. Auf den Ernstl habe ich heute noch oft einen Nachruf. So einen guten Mann gibt es gar nicht mehr. Sie haben ihn ja auch gekannt. Gut ?

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G: Ich renn' in die Kettenbrücke...
B: Hallo !
G: Servus !
B: Du rennst. Du, willst Du nicht einen Café mit uns trinken?
G: Ich kann nicht. Ich werde erwartet, dann stehen die Leute vor dem Tor.
B: Ach so, heute hast Du Fetzenmarkt. Nicht ?
G: Fetzenmarkt, ja. Sehen wir uns?
B: Ja.
G: Wir sehen uns nächste Woche. Ich ruf' dich an.
B: Und was ist morgen? Vielleicht machen wir morgen mit dem Herbert, und so?
G: Morgen ist sehr schlecht. Morgen hat der auch .... ich glaub', der hat einen Termin morgen. Können wir Dich anrufen? Montag geht´s nicht? Ich glaube, Montag nachmittag ist er sogar im Salzgries, aber da hat er etwas zu besprechen. Ich weiß nicht... Aber Montag wäre, glaube ich, besser. Wir sind jetzt beide krank gewesen, eine ganze Woche, aber jetzt ist es vorbei.
B: Und was?
G: Wir waren die ganze Woche erkältet. Beide ganz schön vergrippt. Auf bald, baba !

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R: Mir ist dann eingefallen, da wir uns im Café Salzgries treffen ... ist mir diese Geschichte eingefallen die ich einmal in einer Zeitung aus dem Jahr 1850 ausgegraben hatte.
B: Und worum geht es da?
R: Der Caféhausbesitzer vom Salzgries hat allen Gästen Kalender geschenkt. Außer den Juden. Worauf die Juden gesagt haben, sie gehen nicht mehr hin. Er wollte das gut machen, aber die Juden haben gesagt, sie gehen nicht. Bis er schließlich das Caféhaus seinem Sohn übergeben hat, dann sind sie wieder ins Caféhaus gegangen. Ich finde die Geschichte, wenn wir uns in der Mar Aurel-Straße treffen, vom 5. Jänner 1850 ... ist eine schöne Geschichte. Vielleicht kann man es vergrößern und Du kannst es irgendwo verwenden.
B: Gut, ja. Du hast mir ja einmal erzählt, so Deine Geschichte vor dem Krieg. Erzähle mir das doch noch einmal, wie das war.
R: Ja. Schau, also Du weißt, in der Marc Aurel-Straße war vor dem Krieg, im Jahre 38 ... nicht nur das Palästinaamt ... sondern es war ein jüdisches Geschäftszentrum und alles. Ja, eines der wichtigsten Zentren damals. Ja. Und mein Vater, der also wirtschaftlich in einer schlechten Situation war, aber immer irgendwie versucht hat, Geschäftsverbindungen aufzureißen, ist mit einem Freund an dem 10. November hier gegangen. Noch nicht wissend, was alles passiert ist. Man hat das ja nicht alles sofort begriffen. Und es fährt ein Wagen vor, SA oder SS, ich weiß nicht mehr ... sieht die zwei Juden auf der Straße, bleibt stehen, verhaftet sie. Bleibt aber beim Haustor stehen, ja, obwohl sie offenbar Aufträge hatten, Leute zu verhaften. Einer bleibt zur Bewachung meines Vaters und seines Freundes, und die anderen gehen hinein. Holen aber ... haben offenbar so viele Juden gefunden, die sie verhaften sollten, daß der Wagen voll war. Worauf sie meinem Vater und seinen Freund gesagt haben, geht's weg, ihr werdet eh schon ... irgend jemand anderer wird euch schon nehmen. Und so konnten sie ... sind sie dem entkommen.

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B: Hast' heut' Dienst, Tag und Nacht?
K: Ich hab' heute, ja. Wochenende, halt. Normal die zwei Tage. Samstag. Sonntag. Durch.
B: Die Nacht war wild, hat der Perser gesagt?
K: Ich habe gestern nicht gearbeitet. Ich bin nur Samstag, Sonntag. Ich habe gestern nur ausnahmsweise gearbeitet. Aber untertags. Na ja. Keine Ahnung. War wild? Freitag ... schwierig.
B: Und was machst Du sonst, wenn Du nicht da arbeitest?
K: Im Moment mach' ich nicht so viel. Aber ich habe schon für die Werbung ... und so ein bißchen fürs Theater auch gearbeitet. Ausstattung, Kostümmitarbeit immer wieder. Jetzt ist es ruhiger. Wurstelt man sich halt ein bißchen so durch, nicht wahr ?


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S: Der intimsphärische Blick wird durch das Kameraauge gestört, und bekanntlich ist ja das die Weltmacht der Entstellung. Durch die Kameras. Habe ich gelesen. Das ist nicht von mir. Ich werde mir nicht die Mühe machen, in eigenen Worten zu sprechen. Und wie sagt mein Freund Zenker immer: Schluß, aus. Aus !
Beck.: Das nützt aber nichts in dem Fall.
S: Tina, ruf die Polizei, bitte.
D: Ja, ist schon alarmiert.

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B: Warum sind Sie damals weg ? Warum mußten Sie weggehen ? Was war mit Ihrer Baufirma ?
P: Ich habe vor ein paar Minuten bereits drei Sachen gesagt. Sicherheit, Freiheit ... Eine große Baufirma ... Ich habe in meiner Baufirma 550 Mitarbeiter gehabt, damals. Und natürlich ... meine Familie war noch halbwegs Anhänger von dem Schah-Regime. Das ist ... das hat auch eine Rolle gespielt. Und zum Beispiel meine ... in diesem Zeitraum, mein Onkel war im Senat, iranischer Senat, im Parlament und so weiter. Der war fast die dritte, vierte Person vom Iran. Ja ... man sagt ... der Bundeskanzler in dieser Zeit. Bauunternehmer.....das Khomeini-Regime war eigentlich gegen die, wie sagt man ? .... Kapital, Kapitalismus und so weiter. Am Anfang hat man so gesprochen. Und wenn jemand Unternehmer war ... dann hat man viel dagegen gemacht... Ja, und dann ... Ich habe in dieser Zeit gesehen, es ist besser, wenn ich wieder nach ... wo ich schon studiert habe, mein Diplom als Bauingenieur bekommen habe, zurückgehe. Und ich bin natürlich mit leerer Hand zurückgekommen. Mit Null Komma Josef. Österreichisches Sprichwort. Aber Gott sei Dank, jetzt ist es etwas anders. Wenn man arbeitet, wenn man tut ... Wenn Sie jedes Mal von zu Hause herunterkommen, auf die Marc Aurel-Straße, dann sehen Sie mich. Jeden Tag, Samstag, Sonntag, abend, früh. Ich bin immer da. Man muß die Sachen erledigen. Ja, ja. Man muß arbeiten. Glauben Sie nicht ? Was machen Sie ? Gerade arbeiten Sie. Das ist Arbeit für Sie. Es ist Samstag, Samstag um 12 Uhr. Ja. Man muß arbeiten. Ja ja. Ich habe nichts mehr zu sagen. Was Sie nicht gemacht haben, ist, Sie haben unsere Küche nicht probiert ... meine persische Küche nicht probiert...
B: Noch nicht.
P: Was ist ? ... kann man sagen, noch nicht ? Wir sind 8 Monate schon hier. Sie sind ein Nachbar. Bis jetzt habe ich Sie noch nicht gesehen. Nie? Wie sagt man ? Ich habe Sie noch nie gesehen, bei mir Café zu trinken. Das bedeutet das Nie, das noch nicht. Man sagt in Österreich, alle intelligenten Leute und so weiter, na ja ... Ausländer ? ... ist kein Problem mit Ausländern. Aber ich bemerke das hier, als ein Ausländer ... Schon seit 15 Jahren habe ich die österreichische Staatsbürgerschaft, aber die Mentalität ... ich bin ein Perser. Immer. Mentalität kann man nicht, wie sagt man, ändern. Überhaupt nicht. Ich habe das bemerkt, welche Leute ... Man sagt in der Theorie ... man sagt: ja, der Ausländer ist gut. Die Praxis ist etwas anderes. Das ist immer so. In der Theorie wird man so groß, in der Praxis wird man so klein.

***

G: Hallo. Servus. Du, entschuldige, ich bin ein bißchen spät dran heute. Ich bin auch gleich wieder weg. Meistens renn' ich. Sehr oft renn' ich ja nur vorbei. Schau' wer da sitzt, laufe an ihnen vorbei ... versuche meinen Weg so einzurichten daß ich hier vorbei laufen kann ... zur U-Bahn oder wie auch immer, versuche ich, hier vorbeizulaufen und zu schauen, wer von meinen Freunden da sitzt und auch keine Zeit hat. Es sind die meisten sowieso auch verabredet und im Gespräch. Man kann sich nur wieder was anderes verabreden.
B: Aber Du gehst ja auch ...Du verabredest Dich ja auch lieber im Caféhaus, als zu Hause in einer Wohnung ?
G: Ich verabrede mich nur im Caféhaus, wenn überhaupt. Meistens sause ich nur so herum und treffe nur einige wenige Leute mit Verabredung. Wirklich ... nach Anruf und Verabredung nur ganz wenige. Sonst habe ich einfach Lust, abends raus zu gehen und gehe zu Veranstaltungen und Vernissagen oder Lesungen und kann mir dann schon denken, wer wo sein wird.
B: Aber in Wohnungen gehst Du nicht gerne?
G: Sehr ungern und selten. Da kann man ja nicht so geschwind, so schnell wieder weghupfen. Das wäre in der Tat unfreundlich, nach 10 Minuten wegzuhupfen. Und ich möchte eigentlich vor allem herumgehen können. Ich möchte abends manchmal nur erst einmal eine halbe Stunde um die Häuser gehen können. Ich bin sozusagen ein schlechter Gast. Schau' da oder dort mal rein oder gehe auf einen kleinen Braunen oder ein Achtel, aber bin durch eine Verabredung nur selten festgelegt, an einem Ort bleiben zu müssen.
B: Weil Du ja auch zu Hause arbeitest ... also Du bist genug zu Hause.
G: Ich bin genug zu Hause.
B: ... beim Schreiben ...
G: So ist es. Dann, wenn ich gearbeitet habe, wenn ich vormittags etwas zusammengebracht habe, dann belohne ich mich mit Caféhausgehen oder auch, mir beim Tandler irgend ein Schmuckerl zu kaufen. Das sind die Goodies. Ich glaube, damit ist es ...
B: Na, von Schmuck und Hüten hast Du viel ...
G: Da habe ich viel, da habe ich eine große Sammlung.
B: Wie ist das eigentlich, bevor Du ausgehst, ziehst Du Dich ja an. Das muß ja lange dauern ?
G: Nein, das dauert nicht lang. Es gibt ja nur 10 verschieden Sachen, die ich anziehe. Von den 500 Stücken, die ich habe, ziehe ich ja eh immer dieselben Sachen an. Ich will sie halt nur anschauen und haben können, oder auch herschenken können. Das wäre schrecklich, wenn ich unter so vielen Sachen wählen müßte, da käme ich überhaupt nicht aus dem Haus. Wenn ich mich da entscheiden müßte... Ich ziehe ja eh immer nur die wenigen Stücke an.

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B: Und was machen Sie so in der Rente den ganzen Tag?
S: Ich interessiere mich für Kunst und Freunde besuche ich, Ausstellungen. Dann habe ich einen kleinen Sohn, da muß ich auch allerhand dafür tun. Also der Tag ist ... am Abend gehe ich irgendwo hin, das läuft schnell. Jetzt ist schon bald Mittag, und ich habe noch nichts erledigt. Die Zeit vergeht schnell. Zeitungen ... á jour möchte ich mich halten, was los ist. Das dauert auch eine Stunde. Aber es ist nicht jeden Tag ... daß es so lange dauert, bis ich zur Arbeit komme, unter Anführungszeichen. Sondern heute hat ein lieber Freund mich besucht hier. Donnerstag früh können Sie mich immer hier sehen. Mindestens Donnerstag früh.
B: Und sonst schon fast jeden Tag ?
S: Ja, im Sommer lieber, weil da sitzt man draußen. Jeden Tag komme ich nicht vorbei, also zwei Mal in der Woche. Im Sommer öfter. Sitz' ich draußen. Das reicht. Jetzt gehe ich ins Dorotheum, auf die Hochschule. Ich habe da eine Liste, eine Agenda von 20 Dingen. ... besuche ich den Professor Oberhuber, der wohnt da unten. Dann gehe ich ins "Bike Attack", das ist ein Radgeschäft auf der Praterstraße, vis á vis. Galerie Kalb, Hassfurter, der hat eine Ausstellung über Schatz, den Doktor Sternat, das ist eine Galerie. Bei "Eduscho" möchte ich mir was kaufen, was mich interessiert ...

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