EIN FLÜCHTIGER ZUG NACH DEM ORIENT

Filmtext von Ruth Beckermann, 1999

hr Vorleser schreibt: „Sie stand vor mir etwas vorgeneigt; ihr Kopf hob sich von dem Hintergrund eines weißen Schirmes ab, durch den die Sonnenstrahlen drangen und der gleichsam einen lichten Nimbus um ihr Haupt ausbreitete. In der Linken hielt sie einen schwarzen Fächer leicht an die Wange geneigt.

Nur das eine wusste ich. Das ist 'Sie'. Dabei überkam mich eine Verwunderung: so wenig ähnlich sah sie den mir geläufigen Bildern!“
Sie ließ sich nicht mehr photographieren. Ab ihrem 31. Lebensjahr gibt es keine neuen Photos.
Keiner weiß, wie Elisabeth als alte Frau aussah ... obwohl sie 61 Jahre alt wurde.

Zu einer Zeit, als jedermann begeistert von der neuen Technik der Photographie war, beschließt die Kaiserin von Österreich, aus dem Bild zu verschwinden. Und Sisi bleibt ewig jung.

„Durch die ganze Welt will ich ziehen“, sagte sie. „Ahashver soll gegen mich ein Stubenhocker sein. Ich will zu Schiff die Meere durchkreuzen, ein weiblicher Fliegender Holländer, bis ich einmal versunken und verschwunden sein werde. Es dürfen mich da auch nur Menschen begleiten, die entweder nichts mehr zu verlieren oder mit dem Leben überhaupt abgeschlossen haben. Am besten wäre eine Schiffsmannschaft von lauter zum Tode Verurteilten. Da brauchte ich mir kein Gewissen daraus zu machen, sie der Gefahr auszusetzen.“

Ich nehme das Flugzeug, lande in nur drei Stunden an ihrem entferntesten Ort.
Kreuz und quer war sie in den letzten zehn Jahren ihres Lebens durch die alte Welt gefahren. Von Schloss zu Schloss, in die Grand Hotels..., nirgendwo wollte sie bleiben, an keinem dieser Orte, wo man heute mit ihr wirbt und lockt.
Ich würde gerne durch die Zeiten reisen und filme doch immer nur die eine, die meine. Ich kann nicht in die Vergangenheit, nur in die Ferne fahren, in die Fremde....
Doch vielleicht ist die Vergangenheit ein fernes Ausland.

Am Anfang ist jeder Blick ein Erlebnis, wert, festgehalten zu werden, ausgekostet zu werden.
Luxus der Beobachtung, Luxus der Zeitvergeudung. Zeit ist Luxus -
Sofort fällt es auf...der Luxus des Müßiggangs ist den Männern vorbehalten.
Ich stelle mir vor, wie Elisabeth hier vorübergeht...und wieder zurück? Stehenbleibt ...schaut.
„Ich ziehe es vor, in den Städten zu flanieren“, sagte sie. „Mein liebster Aufenthalt, weil ich da ganz verloren gehe unter den Kosmopoliten: das gibt eine Illusion von dem wahren Zustand der Wesen.“
Selbst auf den letzten Fotos von ihr sieht man eine junge Frau... Retuschen, Montagen, Collagen. Auch die Fotografie war vor Fälschungen nicht sicher.
Die Bilder der Kaiserin müssen weiter in Umlauf bleiben: Also retuschiert man ihr Gesicht, montiert den Kopf auf andere Kleider, setzt sie in den Kreis der Familie, stellt sie an die Seite des Kaisers. Montagen, Collagen.
Es fiel nicht weiter auf, dass auf den eifrig verbreiteten gemeinsamen Fotografien eine jugendliche Elisabeth neben einem alternden Franz Joseph stand.
Währenddessen mischt sich eine schlanke Frau, den weißen Lederschirm in der Hand, unter die Menge.

„Ich brauche mich von Wien nicht zu verabschieden“, sagte sie, „die Wiener waren immer enttäuscht von mir und ärgerten sich über mich bei jeder Gelegenheit, besonders dann, wenn ich ihnen nicht den Gefallen tat, am Karsamstag oder zu Fronleichnam mit in der Prozession zu gehen.“ ...die Welt einteilen in Städte mit Kaffeehäusern und Städte ohne Kaffeehäuser.
Hier sind sie prachtvoll. Ich gehe von einem zum anderen: Trianon, Delice, Pastroudis, Atheneos. Das Wichtigste an einem Café sind Größe und Grundriss.
Der Körper muss vor zu viel menschlicher Nähe geschützt sein und der Blick die Wahl haben,
zu schweifen oder sich irgendwo anzuhalten. Oder in ein Buch zu schauen.

In meiner Tasche habe ich die Aufzeichnungen des Constantin Christomanos, ihres griechischen Vorlesers und Gesellschafters. Als er engagiert wurde, war er 24, sie war 54 Jahre alt.
Er hörte ihr zu, prägte sich alles ein. Und dann, allein in seiner Kammer, schrieb er alles auf, weiterträumend fügte er seine eigenen Ideen hinzu - überlieferte ihre Gedanken, gemischt mit den seinen, in seinen Worten. Er schuf ihr Bild aus Worten.

Ich bestelle noch einen Kaffee, halbsüß, und lese:
Er schreibt: „Sie ist die Einsamste der Einsamen, denn sie gehört sich ganz. - Die Leute wissen nicht, was sie mit mir beginnen sollen, sagte sie gestern, weil ich in keine ihrer Traditionen und längst anerkannten Begriffe hineinpasse. Sie wollen nicht, dass man ihre Schubladenordnung störe. So gehöre ich denn mir ganz. Auf meinen Spaziergängen laufe ich auch wenig Gefahr, zivilisierten Menschen zu begegnen, denn sie folgen mir nicht nach in die Einöden - da haben sie wohl Besseres zu tun. Das sind meine langen Einsamkeiten, aus welchen ich erkenne, dass man die Schwere seiner Existenz am meisten fühlt, wenn man in Kontakt mit den Menschen ist.“

42°. Trockene Luft. Hitze. Die Menschen bewegen sich langsam, von Schattenfleck zu Schattenfleck, immer im gleichen Rhythmus.
Um 10 Uhr ging ich hinunter zum Midan Tachrir. Die Straßen zu überqueren erfordert Mut. Kein Auto bleibt stehen. Auf dem Platz zeigt mir ein alter Mann, wie mans machen muss. Er führt mich hinüber und mit einem winzigen Umweg zu der Pizza Hut, wo ich verabredet bin und auf diesem winzigen Umweg fallen wir in das Geschäft seines Bruders und plötzlich finde ich mich zwischen Flaschen voll Düften und bekomme ein bisschen Lotusöl auf die Hand gestrichen.

Umgezogen. Vom internationalen Hotel in ein hiesiges. Was ich auch tue, erscheint mir falsch.
Dort fühle ich mich wie eine Imperialistin und hier wie eine Romantikerin auf der Suche nach dem Orient. Erst nach einigen Tagen fällt mir auf, dass die Wächter aufschreiben, wann jemand kommt und geht; Teile eines verzweigten Spitzelsystems sind wie die Telefonistin und der Portier.
Das ist Frau Susi. Sie spricht perfekt deutsch. Erzählt, dass ihre Mutter Deutsche sei. Sofort beginne ich zu überlegen, wann und warum sie hierher kam. Flüchtete sie vor dem 3. Reich oder nach seinem Zusammenbruch? Oder kam sie einfach als Touristin?

In der Fremde braucht man einen Ort des Rückzugs. Bei geschlossenen Jalousien entfernt sich die Stadt. Allein sein ... mit niemandem sprechen ... ein Grund zu reisen.

Man sieht sie durch Vergangenheit und Zukunft fahren. Schneller als der Fliegende Holländer wollte sie sein. Jedes Schiff besteigen - nach Brasilien oder zum Kap. Nach Amerika wollte sie. Bis hierher und nicht weiter.
Hallstatt ist schöner, sagte der Ehemann. Er sitzt tagaus, tagein am gleichen Schreibtisch, schreibt ihr Briefe, unterzeichnet mit „dein Kleiner“.
Immer schneller reist sie. Er schreibt poste restante, erfährt aus der Zeitung, wo sie sich gerade aufhält. Seine Boten, seine Diplomaten, seine Spione sind langsamer als sie.
Sie reist inkognito, das Gesicht hinter Fächer, Schleier, Schirm.
„Mein lieber Engel! Du bist aber schon so lange fort“, schreibt der Ehemann, „Meine Gedanken sind beständig in Sehnsucht bei Dir und so will ich wenigstens beginnen, schriftlich mit Dir zu sprechen, mir vorbehaltend, diese Zeilen fortzusetzen, eh ich sie der Post übergebe. Ich gewöhne mich nur langsam an die Einsamkeit, die Augenblicke bei Deinem Frühstücke und die gemeinsamen Abende gehen mir, trotz der in Deinen Zimmern herrschenden Kälte, sehr ab und schon zweimal war ich auf meinem Weg zur Bellaria in Deinen Zimmern, wo zwar alle Möbel verhängt sind, wo mich aber alles so wehmütig an Dich erinnert.“

Ich fahre durch die Stadt; bin überzeugt...jedenfalls heute bin ich überzeugt davon, dass hier der richtige Ort für meinen Elisabeth-Film ist. Denn manchmal werden alle Zeitschichten auf wenigen Kilometern sichtbar und der apokalyptische schwarze Rauch aus den uralten Töpferwerkstätten überzieht ganz selbstverständlich die unfertigen Wohnstätten der Zukunft.

Es gibt verschiedene Gründe, zu reisen: Um bei der Rückkehr über die Reise zu erzählen, aus Abenteuerlust, um die Rollen zu wechseln, als Flucht, Flucht vor der tödlichen Langeweile wie Elisabeth. Reisen, um nicht zu sterben. Schnelle Ortswechsel, um etwas zu spüren, sich selbst zu spüren. Ich meine bei jeder Abreise, sie bringe die Freiheit. Freiheit von allem, was zurückbleibt. Aber Freiheit wozu?
Zu ihrem Vorleser sagte sie: „Und zu fliehen die Familie, war mein Drang von jeher doch. Die Ehe ist eine widersinnige Einrichtung; als 15-jähriges Mädchen wird man verkauft und tut einen Schwur, den man nicht versteht, und dann 30 Jahre oder länger bereut und nicht mehr lösen kann. Und weiß man denn, ob der Gatte wirklich der Erwählte gewesen ist, den das Schicksal bestimmte? Die meisten Mädchen heiraten überhaupt nur aus Sehnsucht nach Freiheit. Übrigens hat die Liebe auch Flügel zum Fortfliegen.“

Heute scheint das alles wie eine dieser Cinderella-Geschichten, die uns das Kino in immer neuen Versionen erzählt, von Prinzen, von Prinzessinnen. Und immer gibt es ein Happy-end.
Elisabeths Wirklichkeit muss so unerfreulich gewesen sein, dass sie nach 11 Jahren Ehe und drei Geburten, und wie vielen Sommerfrischen in der Villa von Bad Ischl, ihrem Mann ein schriftliches Ultimatum stellte:
Sie wünschte von ihm unumschränkte Vollmacht in der Erziehung der Kinder und, für sich selbst, die freie Wahl ihrer Umgebung und der Orte ihres Aufenthaltes.

Das wollte sie schriftlich haben. Bekam sie auch...

Er muss sie doch geliebt haben, der Franz Joseph ... er ließ sie frei, steckte sie nicht in eine psychiatrische Anstalt, wie es damals üblich war, mit Damen, die nicht gehorchten, die nicht ordnungsgemäß und standesgemäß lebten.
Hier ist es unmöglich, in der Menge zu verschwinden, es gibt kein Inkognito...
Alle zwei Minuten sagt jemand „Welcome, how are you, where are you from?“ und bleibt kleben und geht neben einem her. Ob ich nun antworte oder nicht macht keinen Unterschied.

Vor dem Hotel sehe ich die Gruppe Moslems aus Kapstadt wieder, die mir bereits beim Frühstück auffiel. Die Kinder sehen aus, wie aus einem Märchenbuch. Jetzt warten sie auf ihren Bus. Sie sind auf dem Weg nach Mekka. Zum Geburtstag des Propheten in drei Wochen wollen sie dort sein.

Sie schweigen. Sie meinen, ich photographiere sie. Und sie sehen mit einem gewissen Ernst in die Kamera, wie es sich für Porträts gehörte, bevor man anfing, „lächle“ zu rufen, wenn man KLICK macht.

Ich werde diese Reisegruppe kaum jemals wieder sehen. Sie fahren weiter, ihre Bilder bleiben bei mir.

Elisabeth wechselte die Rollen. Sie stellte sich nicht mehr vor die Kamera. Sie begann, Fotos zu sammeln. Zuerst Fotos schöner Frauen, die sie sich von Botschaftern und Konsuln schicken ließ.
Sie bekam ihre Fotos - ob sie nun dokumentarisch waren, echte Haremsdamen darstellten, oder kostümierte Models im Atelier ..., man weiß es nicht.
Ihr Interesse galt weder der Wahrheit noch der Autorenschaft. Sie studierte die Details der Schönheit wie in einem Katalog, aus dem sie auswählte, was für sie in Frage kam. Wie sie selbst aussehen wollte. Wer sie sein wollte.
Sie schien sich gefragt zu haben, was das überhaupt sei, Schönheit. Und ob es nur eine Art von Schönheit gäbe? Und wer sagt, was schön ist? Der Wiener Hof? Oder ganz im Gegenteil, alle, nur nicht der Wiener Hof?
Heute erklärten mir zwei Frauen, dass es neben all den bekannten Gründen, warum die Frauen hier Kopftücher tragen, auch einen praktischen Grund gäbe: Da das geltende Schönheitsideal glattes Haar vorschreibt, alle Frauen aber Naturwellen haben, Friseure teuer sind, sei es auch angenehm, das Haar unter einem Tuch zu verstecken.
Werden all diese kleinen Prinzessinnen morgen ihr Haar verstecken ... und sich einreden, ihre Unterdrückung sei besonders praktisch?
Warum sammelt eine Kaiserin Carte-de-Visite-Fotografien?
Ob sie selbst die Reihenfolge der Fotos in den Alben festlegte? Wir wissen es nicht. Vielleicht hat sie sie immer wieder umgestellt. Sich die Welt montiert, ausgemustert, neue Bilder gekauft. Geordnet und neu geordnet, wenn die alte Ordnung nicht mehr stimmte.

Ihr Vorleser schreibt: „Heute sagte sie: Der Todesgedanke reinigt wie ein Gärtner, der das Unkraut jätet, wenn er in seinem Garten ist. Aber dieser Gärtner will immer allein sein und ärgert sich, wenn Neugierige in seinen Garten schauen. Deswegen halte ich den Schirm und den Fächer vor meinem Gesicht, damit er ungestört arbeiten kann.“
Nach der Hochzeit kommt die Hochzeitsreise, und dann? Was bleiben wird, die Fotos, Erinnerungen in Alben geordnet.
Die Alternative? Allein sein, tun was man will, und die gleichen Träume träumen, welche die Bräute träumen und einen Moment lang für erfüllt halten?
Ich war erstaunt, hier einer Billardspielerin zu begegnen. Bei uns immer noch die große Ausnahme. Sie erzählt, dass sie angestellt sei, um Männer zum Mitspielen usw. zu animieren.

Heute ging ich über den Nil auf die Insel Zamalek, mitten in Kairo, in das Marriott-Hotel, den einstigen Gizeh-Palast. Die internationalen Hotels haben die Funktion von Enklaven des Westens - sind Treffpunkte der reichen Araber, ersetzen Paläste und Clubs und Kaffeehäuser. Die Bilder, die von der Eröffnung des Suez-Kanals an die Wände gemalt wurden, schmücken die Lobby.
Elisabeth war dem bedeutendsten gesellschaftlichen Ereignis der Zeit fern geblieben. Sie wäre die zweitwichtigste Dame nach Eugénie von Frankreich gewesen und ließ den Kaiser allein nach Ägypten reisen. Und so sieht man auf den Illustrationen und Fotos, die um die Welt gingen, Eugénie und Franz Joseph als Paar.
Europa feierte sich selbst ... alle waren sie an jenem 17. November 1869 angereist ...die Priester, die Diplomaten, die Künstler, die Schriftsteller, die Wissenschaftler ... jeder auf seine Weise kostümiert ... Sie sprachen viel von der nun anbrechenden Symbiose von Orient und Okzident. Und meinten doch den Triumph von Aufklärung und Technik. Der Orient durfte seine Pracht auf dem Fest entfalten.

Elisabeth ließ sich alles genau berichten. Und so schreibt er ihr von seinem Schiff „Greif“, im Hafen von Ismailia, den 18.November 1869, halb sieben Uhr früh:
„Die erste Hälfte des Kanals hätten wir glücklich durchfahren und liegen hier vor Ismailia, einer neu entstandenen Stadt, mitten in der Wüste, wo jetzt, wegen der Feier, 30.000 Menschen aus allen Theilen Egyptens unter Zelten zwischen den Häusern lagern und in einem fort Volksfeste feiern und Gestern bis spät in die Nacht mit Trommeln und Pfeifen zu ihren Tänzen einen Heidenlärm gemacht haben ... Dank für Dein, Gestern erhaltenes Telegramm vom 16., das mich wieder sehr beruhigte und erfreute.“


Ausflug an das Ende der Stadt. Ihre Ränder versinken in der Wüste, die Grenze zwischen Zivilisation und Wildnis ist unscharf.
Ich dachte daran, warum sie auf all ihren Wanderungen nie in die Wüste gegangen war, zu den Nomaden.

Während er eine Handvoll Sand aufnimmt, sagt der Nomade: 'Das ist mein Leben', und mit der anderen Hand dieselbe Geste wiederholend: 'Und das ist mein Tod. Alles andere ist Fata Morgana.'
„Ich fühle mich außerordentlich heimisch in Kairo“, sagte sie. „Selbst im größten Gewühle der Lastenträger und der Esel fühle ich mich weniger beengt als auf einem Hofball, und fast ebenso glücklich wie in einem Walde.“
Unter den fremdartigen Gewürzen fällt mir das blitzblaue Pulver auf. Jemand erklärt, dass es zum Bleichen der weißen Wäsche dient.

Weil weit und breit keine Touristen zu sehen sind, ist es verführerisch, Bilder von einem Bazar aus 1001 Nacht über die Gegenwart zu blenden. Wieso sind eigentlich keine da? Nachwirkung der Attentate?
Über Elisabeths Aufenthalt in Ägypten ist wenig bekannt. Belegt und bewiesen, in Akten aufbewahrt im österreischischen Staatsarchiv, also sicher ist, dass sie im Oktober 1885 und im November 1891 von Triest zuerst nach Korfu und von dort über das Mittelmeer nach Ägypten fuhr. Bei ihrer zweiten Reise war sie 54 Jahre alt.

Ihr Schiff 'Miramar' blieb im Hafen von Alexandria, als sie auf ca. zwei Wochen nach Kairo fuhr ... mit einem Gefolge von nur 13 Personen, mit dem gewöhnlichen Schnellzuge, ohne die Beistellung eines Salonwagens angenommen zu haben. Der Kapitän blieb auf dem Schiff und verfaßte seinen Reisebericht, den er einen „flüchtigen Zug nach dem Orient“ nannte.

„Die Kaiserin war ganz entzückt“, erinnert sich eine Hofdame: „Namentlich interessierten sie die Araber. Wahrlich ein schöner Menschenschlag. Wie sie an uns vorüberschritten in ihren weißen Burnussen, den stolzen Ausdruck im braunen Antlitz, mit ihrer stattlichen Gestalt, würdevollen Haltung, glich jeder einem Fürsten - auch wenn der Burnus etwas zerfetzt und abgenützt war, was häufig genug vorkam.
Einen minder guten Eindruck machten die reichen Araber. Ihre aufgeputzte, glänzende Gewandung und das selbstbewusste Gehabe sind widerwärtig und erinnern an den Pfau.

Was soll ich von den Frauen sagen? Wir bekamen ihrer gar wenige zu sehen. Vom Kopf bis zu den Füßen in weißes Linnen gehüllt, schritten einige träge vorüber und machten den Eindruck wandelnder Säcke.“
Eine Hofdame erinnert sich daran, wie die Kaiserin sie fortwährend zum Handeln anstachelte. Sie, die kaum den Wert des Geldes kannte, habe sich bei solchen Einkäufen als überraschend vorsichtig erwiesen, und wenn sie dann mit dem Gekauften aus dem Laden hinausgingen, habe sie lächelnd bemerkt: „Wir sind ja wieder hereingefallen.“

Einkäufe machen - Beinahe so etwas wie Flanieren ...

Als Elisabeth hier war, war Ägypten britisch, Napoleon besiegt, Eugénie zurückgezogen in Cap Martin. Sie reist inkognito als Comtesse Hohenembs oder Mrs. Elisabeth Nicholson. Fiel nicht weiter auf in der internationalen Gesellschaft, die im Shepheard's abstieg, dem ersten Haus in der Stadt.

Das Shepheard's, laut Baedecker von 1885 „von einem deutschen Direktor geführt, 350 Zimmer, 150 mit Bad, Garten, Restaurant, Bar, Post, Telegraph, große Terrasse (Freitags Konzert), Buchhandlung Finck & Baylaender im Hotel; führen auch Photographien, deutsche Zeitungen, besorgen arabische Literatur und erteilen Auskünfte“.

Ich suche in dem damals „europäisches Viertel“ genannten Stadtteil nach dem Hotel, erfahre, dass es an dem Platz stand, wo jetzt eine Tankstelle ist.
An einem schwarzen Samstag im Jahre 1952 wurde es von Nationalisten angezündet wie hunderte Kinos, Bars, Banken, Casinos und Kaufhäuser im Besitz von Ausländern.
Überliefert sind auch Elisabeths Treffen mit John Antoniades, einem griechischen Kaufmann. Er hatte sie mit Blumen auf ihrem Schiff im Hafen von Alexandria begrüßt. Später besuchte sie ihn, wie der österreichische Konsul berichtet, in seinem weiten, reich bepflanzten Garten.

Davor habe sich ein Zwischenfall in einer Konditorei ereignet: Ein Reuter-Telegramm aus Port Said, wo die „Miramare“ eingelaufen war, hatte das Inkognito gelüftet und so blieb dem Besitzer, als er die hohe Gestalt der Kaiserin eintreten sah, kein Zweifel, wen er vor sich hatte. Mit tiefen Verbeugungen und der Anrede „Votre Majesté“ kam er näher; auf die bestimmte freundliche Erklärung der Kaiserin „Je suis incognito“ bückte er sich mit den gelispelten Worten „Madame la Comtesse“ noch tiefer.

Der Konsul meint, er hätte ihm ansehen können, wie froh er darüber war, ein Geheimnis mit der Kaiserin teilen zu können.
Plötzlich ist alles Walzer. Schönbrunn bei Alexandria. Eine menschenleere Phantasieprojektion von Europa.
Kulisse eines vergangenen Europa ... ideal für einen romantischen Film; letztes Jahr in Alexandria; von Schönheit und Luxus und Liebe und Tod.
Elisabeths Tod.

Ihr Mörder stach ihr die Feile exakt ins Herz.
Vielleicht tat er ihr damit einen Gefallen. Sie starb so, wie sie es sich gewünscht hatte: ohne Schmerzen, in Schönheit, und fern ihrer Familie.
Ihr Tod leitete unmerklich den Tod einer Epoche ein. Als würden ein unbedeutender Anarchist und eine unbedeutende Monarchin sie gemeinsam beenden wollen.
50 Jahre später, nach zwei Kriegen, hat Cocteau den Film gedreht, über die Todessehnsucht, den Untergang einer Welt ...

In einer modernen Fassung wäre Elisabeth wohl eine depressive Touristin in einer Reisegruppe. Der Bus würde vor dem Palast stehenbleiben, der Mörder wäre ein Terrorist, der ganz unromantisch eine Bombe wirft.
Heute gehört der Palast dem Präsidenten. Es gibt keine Griechen, keine Juden, keine Armenier mehr in Alexandria.

5 Uhr Nachmittag. Kairo, Ramses-Bahnhof. Der Islam ist eine praktische Religion. Man betet, wo immer man ist, wenn das Zeichen ertönt...eine Stunde am Tag für Gott, eine fürs Vergnügen, sagen die Ägypter.
Am Westbahnhof in Wien steht eine Statue von Elisabeth. Ich dachte immer, dort sei der beste Ort für sie, als Schutzheilige der Reisenden. Oder als Warnung ... schließlich ist sie auf einer Reise ermordet worden.
Auf einer Reise hinaus aus der statischen Welt der Habsburger in die Bilderwelt der Moderne. Die Reiseziele der ersten Kameramänner deckten sich mit Elisabeths Itinerar: Côte d'Azur, Schweiz, Italien. Sie fuhren dorthin, wo das moderne, bewegte Leben war. Hier filmten sie für die Daheimgebliebenen die Touristen vor den Pyramiden und bei ihren Eselsritten.
Vielleicht ist die Kaiserin von Österreich auf einer dieser prises de vue zu sehen; unerkannt. Eine Frau in der Menge. Sie mochte die Menge, um sich in ihr zu verlieren, sich für einige Stunden nach außen statt nach innen zu wenden. Der Bewegung zusehen, ohne gesehen zu werden.

Nicht sehen kann auch tödlich sein. Sogar in der Schweiz. Und ein Inkognito hält nur solange wie die Verschwiegenheit des Hotelpersonals. Ihr Mörder wollte ein Zeichen setzen, jemand Mächtigen töten. Und was immer sie dachte, sie gehörte zu den Mächtigen.

Ob sie von der Existenz des Kinos wusste? Mir erscheint sie wie ein Star, bevor es Stars im Kino gab. Sie schuf sich ihren Stil, wählte ihre Rollen und inszenierte sie selbst. Wie Greta Garbo oder Marlene Dietrich... und lange vor diesen sagte sie, lasst mich allein, lasst mich in Ruhe.
Ich fahre zwischen Kairo und Alexandria hin und her.
1.Klasse Zug ... die Wahrheit des Sichtbaren heißt hier Wahrheit der Inszenierung.
Es gibt nur, was abgebildet ist. Was nicht abgebildet ist, existiert nicht.
Von 3. Klasse Zügen darf kein Bild gemacht werden.

Nicht gefilmt werden dürfen:
Schuhputzer, Eselskarren, Bettler, Schmutz, Staub, das Haus des Maimonides, 3. Klasse-Züge. Und am Boden Sitzende in Galabiahs gekleidete. Das sei schlecht für Ägypten, sagt der Zensor.
Bilder, die nicht gedreht werden dürfen, Bilder, die gedreht werden, um andere zu überdecken.
„Es gibt Bilder“, sagt Serge Daney, „diejenigen aus ‚Sissi‘ beispielsweise, die nur existieren, um andere unvorstellbar zu machen. Bilder zur Zerstreuung des Blicks.“
"Sissi" forever und wieviele andere habe ich gesehen. Wäre Leonardo die Traumbesetzung für ein Remake?
Und doch ... ich liebte die Kino-Sissi. Aus dem gleichen Grund, aus dem sie die ganze Welt heute im Fernsehen liebt. Jedes Jahr zu Weihnachten kommt sie nach Japan und China und Australien und Italien, als Bestätigung, dass die Welt trotz allem in Ordnung sei.

Heute habe ich die gleiche Waage gesehen wie in Elisabeths Hermesvilla. Dort ist sie in ihrem ehemaligen Turnsaal ausgestellt, griechische Ringer an die Wände rundherum gemalt.
Christomanos schreibt: „Sie ließ mich heute vor dem Ausfahren nochmals in den Salon rufen. An der offenen Tür zwischen dem Salon und ihrem Boudoir waren Seile, Turn- und Hängeapparate angebracht. Ich traf sie gerade, wie sie sich an den Handringen erhob. Sie trug ein schwarzes Seidenkleide mit langer Schleppe von herrlichen schwarzen Straußfedern umsäumt. Ich hatte sie noch nie so pompös gekleidet gesehen. Auf den Stricken hängend, machte sie einen phantastischen Eindruck wie ein Wesen zwischen Schlange und Vogel.“

Auch die Bilder der Fußball-Weltmeisterschaft gehen um die Welt. Und obwohl Ägypten nicht teilnimmt, legt die Übertragung der Matches jeden Nachmittag die Stadt lahm. Wie in Österreich, das übrigens gerade gespielt hat.
Ich fahre aus der Stadt hinaus, den Nil entlang, zu der Oase Fayum. Mache Halt am Qarun-See. An einem dieser ruhigen Orte, von denen manche meinen, sie wären ideal zum Schreiben.


Eine Zeit lang schrieb sie ... Nannte sich Titania. Schrieb von der Hofgesellschaft, der trägen Brut, vom Kaiser, den keiner brauche, und dass die Liebe sei wie schlechter Wein. Drei lederne Bücher schreibt sie voll. Blaue Tinte, schwarze Tinte.

„Sie bewundern meine schlechte Schrift“, sagte sie. „Sie ist so wie ich, sie will sich nicht unterjochen lassen“.
Ein flüchtiger Zug. Meister Heine diktiert.
Sie schreibt - bis der Sohn sich tötet in Mayerling und auch das Schreiben den Sinn verliert. Und hat doch Sinn gehabt. Es ist ihr Testament. Sie lässt die Gedichte abschreiben, die Abschriften geheim drucken, verstecken, in die Schweiz bringen, um sie dem Einfluss der Familie zu entziehen. Die Texte müssen geschützt werden.
In die Zukunft projiziert.
Ich lese noch einmal den Brief, den sie ihren Schriften beigelegt hatte:
„An die Zukunftsseelen...“ schreibt sie.
„Liebe Zukunfts-Seele! Dir übergebe ich diese Schriften. Der Meister hat sie mir dictiert, und auch er hat ihren Zweck bestimmt, nämlich vom Jahre 1890 an in 60 Jahren sollen sie veröffentlicht werden zum Besten politisch Verurteilter und deren hilfsbedürftiger Angehörigen. Denn in 60 Jahren so wenig wie heute werden Glück und Friede, das heißt Freiheit auf unserem kleinen Sterne heimisch sein. Vielleicht auf einem Anderen? Heute vermag ich Dir dieses nicht zu sagen, vielleicht wenn Du diese Zeilen liest...mit herzlichem Gruß, denn ich fühle, du bist mir gut,
Titania,
geschrieben im Hochsommer 1890 und zwar im eilig dahinsausenden Extrazug.“

Niemand interessierte sich für ihre Schriften nach 60 Jahren, im Jahr 1950. Im Gegenteil. Die Volksgemeinschaft der Nachkriegs-Kleinbürger flüchtete sich in selige Kaiserzeiten. Märchenfiguren haben keine Kriege geführt und keine Verbrechen begangen.

Welche Filme sind noch möglich, aufgewachsen mit all diesen Bildern und dem Schmerz über all die Bilder, die von ihnen verhindert wurden, unvorstellbar gemacht.
Die Vergangenheit ist ein fernes Ausland und es gibt keinen Grund für eine Orientreise außer dem, einer Laune nachgegeben zu haben.
Sie ging zu Fuß, bei jedem Wetter; wie immer etwa acht Stunden täglich.
Der österreichische Konsul in Ägypten berichtete dem Kaiser, „die pedestrische Leistungsfähigkeit Ihrer Majestät sei eine so bewundernswürdige, dass die Geheimpolizei es für unerträglich erklärte, der allerhöchsten Frau anders als zu Wagen zu folgen.“

Vorteil des Ortswechsels: gewisse Gegensätze verschwinden. Gegensätze verschwinden und andere entstehen. Hier bist du einfach Europäerin. Ob Kaiserin oder Filmemacherin ist von hier aus gesehen ziemlich egal. So groß ist der Unterschied - ganz allgemein - zwischen dort und hier. Der Unterschied bleibt bestehen, ob du links oder rechts, reich oder arm bist, ob du einen sozial engagierten, politisch korrekten Film drehst oder einen exotischen oder einen ausbeuterischen. Dokumentarfilm und CNN, zwei Variationen der real existierenden Machtverhältnisse. Daran ändert auch ein 360 Grad-Schwenk oder ein noch so langes Travelling nichts. Ob wir so tun, als ob wir die Fremde verstehen oder nicht; es gibt eigentlich keine Erklärung für unsere Anwesenheit.

Denn in Wahrheit drehe ich hier, weil die Lastwägen bunter sind, die Straßen voller, die Blicke fremder. Weil mein Herz höher schlägt vor Bilderlust. Vor Bilder-Gier.

Was suchte sie hier?
Offiziellen Anlässen blieb sie fern, Einladungen lehnte sie ab.
Der Konsul berichtet, die Kaiserin habe ihm jedoch gestattet, ihr eine Vorstellung von arabischen Schlangenbändigern, Taschenspielern und Wahrsagern offerieren zu dürfen.
Ein Wahrsager oder eine Wahrsagerin ... ob sie sich aus der Hand lesen ließ?
Wie leicht diese Männer zwischen den Geschlechtern schweben. Mann, Frau, Mann, Frau, von einer Drehung zur anderen. Was geschieht, wenn die Drehungen langsamer werden, zum Stillstand kommen?
Es war nicht so, dass sie den Tod herbeisehnte. Sie scheint bereits in diesem Übergang von einer Welt in die andere gelebt zu haben ...
Christomanos schreibt: „Je länger ich in ihrer Nähe weile, desto mehr belebt sich in mir der Gedanke, dass sie zwischen zwei Welten steht. Wenn wir stundenlang am Strand wandern, sie wie ein verkörperter Schatten gleitend an der lichten Küste des Lebens, da habe ich immer die Empfindung, als ob sie etwas versinnbildliche, das zwischen Leben und Tod liegt oder in beiden zugleich.“
Ähnlich wie für die Ägypter scheint der Tod für sie kein Bruch mit dem Leben gewesen zu sein, sondern eine Reise ... mit diversen Fortbewegungsmitteln.
Durch sieben Himmel und sieben Tore und erst durch das letzte gelangt man ins Paradies.

Ich besuchte das Grabhaus der Rabaa El-Adawia. Auch sie lebte zwei Leben.
Zuerst war sie Sklavin eines Sultans und sonnte sich als Tänzerin, Sängerin und Kurtisane im Glanz der Macht. Als ihr Geliebter getötet wurde, zog sie sich aus der Welt zurück und begann ein zweites einsames und religiöses Leben. Sie wird als Heilige oder Märtyrerin der göttlichen Liebe verehrt.

Sich nicht mehr fotografieren lassen, verlängerte vielleicht Elisabeths Leben. Denn, wie wird man zum Mythos? Entweder jung sterben oder Aus-dem-Bild-Verschwinden und Weiterleben.
Was wird mir von dieser Reise in Erinnerung bleiben?
Die Bilder der ägyptischen Frauen, die ich überall gesammelt habe wie Elisabeth?
Ein Kurz-Katalog der Schönheit.
Sie widersprechen unserer säuberlichen Einteilung der Zeit in Perioden und Epochen und Moden und beweisen, dass alles gleichzeitig existiert, in Schichten. Dass sich alles verändert und nichts ändert.

In einem Interview mit Naghib Mahfuz las ich, die Menschen hier seien - anders als im Westen - geduldig. Wie Bauern eben sind; gewohnt zu warten. Und alles, was ihnen zustosse, ob politisches oder privates Malheur, würden sie als Schicksal auffassen. Als etwas, das geschrieben ist ... SCHAGAN.

Der Kanal ist das Gegenteil von Schicksalsglauben. Zeugnis westlichen Wissens, Planens und Durchsetzens. Ein großes Rufzeichen.
Elisabeth war natürlich hier, 20 Jahre nach Franz Joseph. Die Scheichs mit ihren Musikern und Tänzerinnen waren längst abgezogen. Ismailia war ein staubiges Nest. Sie fuhr die schnurgerade Wasserstraße auf ihrem Schiff hinunter und empfing einen Abgesandten des Herrn von Lesseps. Lesseps Denkmal grüßte die Schiffe in Port Said bei der Einfahrt in den Kanal, bis es zertrümmert wurde, in der Illusion, mit dem Bild auch den Kolonialismus und den Imperialismus zu zerstören.

Ich trinke Helwa.
Ismailia ist immer noch ein staubiges Nest.
Die Bilder falten sich und schichten sich ...
Immer neu arrangieren sich die Szenen, wie in einer Bilderserie orientalistischer Maler, die meinten, das Wüstenlicht in die dunklen Salons Europas tragen zu können.
Sich das Bild von einem Menschen machen ... ist das möglich?

Hat es sie überhaupt gegeben? Oder ist sie eine Projektionsfläche unserer Träume und Wünsche und Phantasien ... wie der Orient ...
Die Biographen reihen ein Foto an das andere, vom Kleinkind bis zur Greisin, im Fluß der Zeit. Was dabei herauskommt, nennt man Lebensgeschichte. Doch sie lässt sich nicht festmachen von Historikern, Geschichtenerzählern, Handlesern und Wahrsagern.

Der Geburtstag des Propheten. Sufi-Bruderschaften ziehen durch die Stadt.
Im Grunde haben wir nur zwei Bilder von der arabischen Welt - das Bild einer romantischen Märchenwelt und das von fanatischen Fundamentalisten, zu jedem Terrorakt bereit, um ihre Ideen durchzusetzen. Der moderne Orient trägt zu seiner eigenen Orientalisierung jedenfalls auch nicht unwesentlich bei.
Seit Wochen berichten die Zeitungen von dem Streit um das Gedenken an die Eroberung Ägyptens durch Napoleon vor genau 200 Jahren.
Sollen wir unsere eigene Eroberung feiern, fragt ein Journalist ... und meint, Ägypten würde in der gegenwärtigen Lage alles tun, um den Tourismus anzukurbeln. Eines scheint klar. Auch nach 200 Jahren haben Täter und Opfer nicht die gleichen Erinnerungsbilder.

Sich ein Bild von einem Menschen machen ... und welches ...?
Warum nicht zu einer Wahrsagerin gehen.
Madame Warda auf dem Khan-El-Khalili soll nicht allein aus der Hand oder aus dem Kaffeesatz das Schicksal eines Menschen lesen, sondern aus Fotos. Was würde sie in einem Porträt Elisabeths sehen?
Ich geh' dahin, mit einem Porträt-Foto, ohne ihr zu sagen, um wen es sich handelt.
Sie will wissen, wer die Frau sei, eine Ausländerin, da sei sie sicher.
Sie soll einfach sagen, was sie in dem Foto sieht, was sie fühlt ...
Sie sagt sofort, dass diese Frau kein bestimmtes Problem habe, sondern unzufrieden sei.
Sie habe einen edlen Charakter, aber manchmal gehen Launen mit ihr durch, in manchen Stunden ist sie ziemlich unten, dann wieder hoch oben, dann wieder tief unten.
Sie sei sehr rein, einer der gutherzigen Menschen, die, wenn man sie streichelt, wie ein Baby werden. Also man kann sie als Baby betrachten. Aber die Familie. Zwischen ihr und der Familie gibt es viel Gerede und Schwierigkeiten. Warum, das wisse sie nicht.

Eine Schwester habe sie und keinen Bruder ... sie bleibt dabei, sie habe nur eine Schwester ..., vielleicht einen Bruder, aber nur einen.
Sie sei bei den Männern beliebt, aber ihr Glück sei halb halb. Da gibt es auch Frauen, die eifersüchtig sind. Auch, weil sie die Wahrheit ausspricht. Sie liest viele Bücher, Geschichten, englische, französische, amerikanische, also immer würde sie lesen.

Sie hat einen wertvollen Ring verloren. Nicht aus Gold, einen Solitär. Der Ring ist einfach weg.
Sie lebe wie eine Tote. Sie ist gleichzeitig lebendig und tot. Wie dieses Glas Wasser. Lebendig, aber tot ...

Durch die Stadt gehen, ohne die Sprache zu verstehen, erzeugt einen traumähnlichen Zustand. Die Bilder rücken in die Ferne und die Töne von Kairo bilden ein Muster aus Autohupen und Muezzin-Rufen.
Vielleicht ist alles plötzlich so einfach und unbeschwert, weil wieder eine Abreise bevorsteht.
So, als hätten sich die Szenen an diesem letzten Abend für mich gestellt, tauchen die Schiffe Elisabeths auf ...