UNZUGEHÖRIG revisited
Sebastian Markt

Überschrieben mit Über Zwang und Unmöglichkeit, Jude zu sein legte Jean Améry 1966 in einem Abschnitt von Jenseits von Schuld und Sühne Zeugnis ab über das Verhältnis, in dem er sich selbst mit Judentum und Juden erkannte. Améry sprach aus der Position dessen, der von Geschichte, das heißt der Gesellschaft des Dritten Reichs, überfallen und bedroht, bedrängt und verurteilt wurde, hineingerissen in ein Dilemma, dem er durch sein Überleben von Auschwitz noch lange nicht entronnen war. Als Unmöglichkeit empfand es der im ländlichen Österreich Sozialisierte, sich in eine Tradition und Kultur einzufinden, die nicht Teil seiner persönlichen Geschichte war, als Zwang empfand er, dass erst die Gewalt von Antisemitismus und Verfolgung ihn zum Juden und damit zum Opfer gemacht hatten. Als Katastrophenjude bezeichnete er sich deshalb selbst, und sah den einzig möglichen Selbstentwurf im verzweifelten Bestärken der Möglichkeit zu verstehen, im Ergründen der Kondition des Opferseins und dem illusionslosen Einrichten in der Fremdheit.

1989 erschien erstmals Ruth Beckermanns Essay Unzugehörig. Österreicher und Juden nach 1945. Das dort ergründete Dilemma ist gegenüber dem bei Améry abgezirkelten verschoben. Nicht die am eigenen Leib erfahrene Verfolgung, der Widerstand und das Überleben grundieren die Reflexion, sondern hineingeboren zu sein in die Welt der Überlebenden, in das Nachleben der Katastrophe. Worin die Katastrophe nachlebt, offenbart sich in der bestimmten Trennung, von welcher der Untertitel spricht: In Juden und Österreichern prolongiert sich der von den Nazis im Signum der Volksgemeinschaft geschaffene Ausschluss von Jüdinnen und Juden auch aus der österreichischen Gesellschaft, ein Ausschluss, der in der Shoah zur Realität wurde, und den keine Stunde Null ungeschehen machte. Von Juden und Österreichern im Gegensatz zu sprechen, freilich ohne diese Begriffe zu essentialisieren, ist Beckermann deshalb keine unzulängliche Verallgemeinerung, es gebietet vielmehr der klare Blick auf die als prekär empfundene Anwesenheit in der postnazistischen Gesellschaft der Zweiten Republik. Um den Gründen dieser prekären Anwesenheit von Jüdinnen und Juden in Österreich auf die Spur zu kommen, seziert Unzugehörig österreichische Geschichte vor, während und nach dem Nationalsozialismus, was sich notwendig auch gegen die zirkulierenden unzulänglichen Bilder ebenjener Vergangenheiten richtet. Diese Unzulänglichkeit gilt freilich nicht nur für die Bilder, die sich das Österreich der Achtzigerjahre von sich selbst machte, sondern auch für den Umgang mit den Opfern. Beides war im Nachhall der Waldheimaffäre und des Gedenkjahres 1988 erst in Ansätzen überwunden worden, als Kritik, von der Deutlichkeit wie sie in Unzugehörig vorgebracht wird, noch selten war. Als Maß der Aktualität des Buches darf gelten, wie sehr die Topoi dieser Kritik zwar noch fern davon sind, mehrheitsfähig zu sein, aber doch einen festen Bestandteil im Repertoire eines kritischen Umgangs mit österreichischer Geschichte haben: Sei dies die Ungeahndetheit der Verbrechen, die vielfach die Norm blieb, die zweite Entwürdigung der Opfer, denen die Anerkennung ihres Schicksals lange verwehrt bleibt oder die Selbststilisierung der Tätergesellschaft als Opferland während dem Fortbestehen personeller und gesellschaftlicher Kontinuitäten. Scharfsichtig ist dabei nicht zuletzt eine Analyse des nazistischen Regimes, welche die Verantwortung für die Verbrechen nicht in den Händen einer Funktionselite belässt, sondern Verfolgung und Vernichtung als gesellschaftlichen Prozess begreift, und den subjektiv empfundenen ideellen, wie den materiellen Nutzen für die komplizitäre Mehrheit benennt. Im Brennpunkt all dieser Phänomene liegt schließlich begründet, was eine Zugehörigkeit verhindert.

Die Kritik jener österreichischen Verhältnisse verbindet sich mit einem autobiographischen Bericht über die Verortung einer Generation junger Jüdinnen und Juden in Österreich, die nicht Heimat sucht, sondern um die Selbstverständlichkeit ihrer Anwesenheit, um ihren anerkannten Platz in der österreichischen Gesellschaft streitet. Diese Auseinandersetzung bezog sich nicht allein auf die Mehrheitsgesellschaft, sondern auch auf das Selbstverständnis der Eltern. Beckermann skizziert den Wiederaufbau jüdischer Gemeinden in Österreich und die damit verbundenen Wandlungen des Selbstverständnisses als Jüdinnen und Juden in Österreich. Und sie beschreibt auch, wie die eigenen Erfahrungen die Emanzipation von der als zu unterwürfig empfundenen Haltung der Eltern in den Versuch eines tieferen Verständnisses ihrer Geschichte münden lassen.

Was Beckermanns mit Amérys Reflexionen bei aller Verschiedenheit verbindet, ist die Signatur eines Zeitalters, in dem Subjektivität über die Zurechenbarkeit zu einem Kollektiv erkauft werden muss, die Kollektivität der einen aber, den Ausgeschlossenen ebenjene Subjektivität verwehren will. Diese UNVERSTÄNDLICH Logik durchkreuzt Unzugehörig. Von Österreichern und Juden wird also nicht deshalb gesprochen, weil Jüdinnen und Juden keine Österreicherinnen und Österreicher seien, oder sein könnten, sondern weil ein österreichisches Selbstverständnis diese Zugehörigkeit immer wieder in Frage stellt. Dem Ausschluss kommt keine Zwangsläufigkeit zu, er geschieht dann, wenn sich die Ausschließenden dazu entscheiden. Beckermann lässt sich auf die Frage nationaler Identität gar nicht ein, sondern benennt Modi und Gründe der Nichtanerkennung, und schließt in Konsequenz mit einem universalistischen Plädoyer.

Im Gedankenjahr 2005 ist das Buch mit einem neuen Vorwort wiederaufgelegt worden. Unverändert, weil, wie Ruth Beckermann sagt, dieser 16 Jahre alte Text ihr Lebensgefühl heute wiederzugeben vermag. Dies obwohl, versucht man jenen Zeitraum zu vermessen, deutlich wird, dass im Umgang mit der österreichischen Vergangenheit und in der Selbstbehauptung jüdischen Lebens in Österreich Gewichtiges erreicht wurde. Und dennoch reproduziert die Selbstinszenierung der Zweiten Republik als Erfolgsgeschichte ein Moment der Unzugehörigkeit, das sich in der weitgehenden Abwesenheit der Geschichten der Überlebenden ebenso spiegelt, wie in dem Umstand, dass diese Selbstinszenierung jüdische Geschichte als Teil einer Vergangenheit, kaum aber als Teil einer Gegenwart zu erkennen im Stande ist. Schon 1989 verwies Ruth Beckermann im Anschluss an Robert Knight darauf, dass ein Ausschluss nicht nur 1938 stattfand, sondern sich als Ausschluss der Opfer nach 1945 wiederholte. Der Zweifel daran, dass die Dynamik nationaler Identität in Österreich es erlaubt, einen klaren Blick auf die in der Vergangenheit von ebenjenem Kollektiv angerichtete Gewalt zu richten, erscheint nach wie vor begründet.

Zwischen der Trilogie von Wien retour, Die papierene Brücke, Nach Jerusalem und der Videoinstallation europamemoria vermag man in den künstlerischen Arbeiten Ruth Beckermanns eine Bewegung der Universalisierung von Fragestellungen erkennen. In den gelungenen Lebensentwürfen jener europäischen Migrantinnen und Migranten, die europamemoria porträtierte, schwingt die Hoffnung mit, es könnte sich auf europäischer Ebene - als kultureller Raum, nicht als geopolitischer Faktor gedacht – ein Moment der Hybridität verwirklichen, das die Logik der inneren wie äußeren Grenzen bricht. Wie im Horizont der Gesellschaftskritik die Abschaffung der eigenen Notwendigkeit steht, so ist Unzugehörig ein Text, dem man wünschen darf, seine Aktualität einzubüßen, als Hoffnung, dass jüdisch zu sein, ohne Zwang und Infragestellung möglich sein kann.